Gute Nacht, Rilke!

Sonntag, 18.09.16

Altweibersommer in Hamburg. Wobei Altweibersommer es eigentlich nicht trifft. Soviel Gold und Glitzer am Himmel – das ist mehr eine groß inszenierte Ladies-Only-Golden-Ager Tagung denn ein schnödes Stück Restsommer. Petrus haut alles raus, was sich noch an unverbrauchtem Sommerwetter hinten im Schrank angefunden hat. Sommerschlussverkauf.

Uns zieht es zum Boot. Dort sind Menschen und Wetter meist angenehm schnörkellos. Doch als wir in kurzen Hosen dem Auto entsteigen, ist es in Sønderborg kaum kälter als in Hamburg. Auch hier glänzt die Abendsonne eben noch über Hafen und Strand.

Fang mich doch! Der Herbst spielt schon Katz und Maus.

Fang mich doch! Der Herbst spielt schon Katz und Maus.

Aber der Summer-Sale leert bereits die Boxengassen. Vor zwei Wochen klangen noch Stimmengewirr und Kinderlachen durch das schwindende Licht, heute sitzt nur eine Crew auf dem Grillplatz, unterhält sich gedämpft.

„Mama, ich habe keine Angst“ verkündet Tim auf dem Weg zum Bad. Unsere Schatten zeichnen sich im Schein der Molenbeleuchtung scharf ab, überholen uns, werden länger. „Guck mal, Monsterschatten!“ meint er und macht Faxen. Ich verkleide mein Schatten als Drachen mit großen Schwingen und ärgere sein kleines Schattenmonster. „Mama, hör auf. Das ist unheimlich!“ Tims kleine Hand wandert in meine.

Zurück am Boot empfängt Marc die Kinder und schickt mich nochmal los. „Dann stehen wir uns beim Abendwahnsinn nicht im Weg“.

Ich schlendere Richtung Strand. Ein schmaler Kantstein markiert dort das Ende des Hafens. Rasen, eine grün lackierte Bank mit gußeisernen Füßen, umsäumt von einigen geduckt stehenden Heckenrosen. Dahinter endet die Hafenmole und verläuft sich im feinen Sand.

Mir ist, als sei der Bordstein eine unsichtbare Demarkationslinie zu einer anderen Klimazone – der Windschatten der Hafenbäume fehlt. Jenseits der lauen Hafenluft bleibe ich an der Steinmole stehen.

Sommerdämmerung.

Der Wind ist zu kalt für den Sommer, zu warm für den Herbst. Am entlegenen Ende des Strandes feiert eine Gruppe im Schein eines großen Lagerfeuers. In der Dunkelheit bewegen sich Körper wie Rumpelstilzchen-Silhouetten vor den Flammen. Mit dem Ostwind weht Lachen herüber. Hinter mir flappt die Windmühle auf dem roten Clubstander des SFF träge mit ihren Flügeln. Die schwarzen Wellen gluckern und schwappen auf den Strand. Helle Schaumstreifen fingern dort in dunkle Streifen aus Seetang. Wieder und wieder. Das Schild auf der Mole ist im Restlicht gerade noch lesbar: „Al færdsel på molen forbud“ – Zutritt zur Mole für Unbefugte nicht erlaubt“. Ob auf der Wasserseite steht „Gælder også på efteråret – gilt auch für den Herbst“? Der schwappt da draußen irgendwo auf den Wellen umher.

Vielleicht drüben bei Kalkgrund, von wo ein grüne Sektorenfeuer ruhig wiederkehrt. Der Leuchtturm dort draußen ist vertieft in stille Iso-Gleichtakt-Zwiesprache mit der Ansteuerungstonne der Flensburger Förde.

Ein kurzer, kitschiger Rilke-Moment. Was will er mir zum Einschlafen sagen?

„Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.“

Das passt zur stillen Unterhaltung der beiden Leuchtfeuer und dem leisen Wandel der Jahreszeiten.

Trotzdem habe ich da in meiner Eigenschaft als Frau noch ein Wort mitzureden.

„Herbst – schau mal auf den Kalender. Du bist noch nicht dran! Gib uns noch zwei südlichere Tage! Und Dein Schatten hat auf meiner Sonnenuhr noch nichts zu suchen!“

Der Herbst sitzt auf einer der Wellen und nickt nachsichtig. Das Wasser gluckst und murmelt. Ich nicke zurück und gehe.

Er wird trotzdem das letzte Wort haben. Doch hinter dem Kantstein zum Hafen ist noch Sommer. Vom Nachbarsteg blicke ich in das erleuchtete Viereck unseres Niedergangs. Marc werkelt, die Kinder sind in der Koje. Da gehe ich jetzt auch hin.

Gute Nacht, Herbst! Gute Nacht, Rilke!

 

 

 

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1 comment

  1. Hallo Svenja,
    nach der Saison ist vor der Saison. Ich habe im letzten Jahr Deinen Blog verfolgt und nun seit September keinen neuen Eintrag vorgefunden. Planst Du den Blog weiter zu führen ? Was machts Du so im Winter ?
    Wir verlegen in diesem Jahr unser Boot – etwas unerwartet – von Heiligenhafen nach Maasholm. Damit wird der Tagestörn mit Ziel Hot-Dog in Bagenkop etwas kürzer ausfallen 😉
    Wäre schön mal wieder von Dir und Deinem Boot und Deinen Plänen zu lesen. Viele Grüße aus Glinde von der 4k@sea.

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