Morgen ist Berufsschule

Freitag, 03.06.2016

Kürzlich fliegt eine kurze Notiz von Bord des Stagsegelschoners QUALLE (www.schoner-qualle.com) in meine Inbox. Das erinnert mich daran, dass mich der bürokratische Aufwand des Kojencharter-Segelns sehr beeindruckt hat. Denn vor blaue See und Barcardi-Feeling bei Backstagbrise hat der Amtsschimmel allerlei Auflagen gestellt. Und eine sehr motivierte Exekutive.

Hier eine kleine Begebenheit der Backstagbrisen-Bürokratie.

„Ich habe alles mit den Behörden perfekt erledigt. Jetzt haben wir auch noch Marine Labor Convention Abnahme = erstklassiger Arbeitsplatz auf See. Nur ein Bügeleisen fehlt für die Angestellten. Kindersegeln in Kiel mit Polizeikontrolle. Wir Deutschen Flaggen bekommen immer das volle Programm.“

Ankommen und Drankommen - mit vollem Programm...

Ankommen und Drankommen – mit vollem Programm…

Mai 2015. Vor einem Jahr. Gleiches Schiff, gleicher Ort, ebenfalls Kindersegeln.Der folgende Text schlummerte noch auf der Festplatte und passt nun wunderbar.

Mit kleiner Kojencharter-Mannschaft sind wir über Fehmarn und Heiligenhafen von Wismar gekommen und liegen nun zum Crew-Wechsel in Kiel an der Reventloubrücke.

Die Qualle wird hier in den kommenden Tagen als Partner von Kiel Sailing City – www.camp24-7.de Tagestörns mit Kindern. und Jugendlichen segeln.

Zwei Männer klettern an Deck. Ihre Öljacken tragen den Bundesadler auf dem Ärmel. Wenn der Schutzmann ums Eck kommt…wir parken fast unmittelbar vor dem Gebäude der Wasserschutzpolizei. Die Reventloubrücke ist für die Dienststelle, was die Drive-In-Spur für die Burgerkette ist. Ankommen und drankommen.

Da muß wohl Wachtmeister Röhrig gegenüber ganz entzückt aus dem Fenster geblickt haben, um dann mit leuchtenden Augen seinen bundeseigenen Azubi hochzuscheuchen. „Komm nu‘ Werner – morgen is‘ Berufsschule, da erzählst Du mal, wie man ein Segelschiff or-dent-lich überprüft.“ Es folgt staatliche Nachwuchsförderung am schwimmenden Objekt.

Die beiden sind nicht unsympathisch. Loben den pädagogischen Nutzen des Sailing-City Engagements. Dennoch fühlen Sie unserem Skipper Berni hoheitlich ambitioniert auf den Zahn. Der Vergleich mit einer Wurzelbehandlung drängt sich auf.

Nach und nach füllt sich der Salontisch. Die offiziellen, auf letzten Stand berichtigten BSH-Seekarten, Logbuch, nautisches Patent, Seearbeitsbücher, Ordner mit Unterlagen zur kürzlich erfolgten amtlichen BG-See Abnahme und weiteres mehr. Begehung des Schiffes, der Sicherheitseinrichtungen, Überprüfung der Funktion der Geräte. Alles ist in Ordnung. „Ein ordentlich geführtes Schiff“ kommentiert der Meister.

Ob denn die BSH Broschüren „Sicherheit auf dem Wasser“ und „Funkdienst für die Klein- und Sportschiffahrt“ an Bord seien? Ja, sollten sie – offizielle Abnahme war ja gerade erst. Ob die aktuellste Fassung vorläge?

Die vorliegenden Auflagen sind seit einem Monat überholt.

Die Beamten verhängen aufgrund dieses Kapitalverbrechens ein Auslaufverbot bis zur Beseitigung des Missstands. Zudem stellen sie zwei Ordnungswidrigkeiten in Rechnung. Der Herr Käptein schwingt sich am Folgetag auf einen Drahtesel und beseitigt den Mangel durch Kauf der frischesten Auflage.

Nur gut, daß die konservativen Wurstblinker unter den Lampenkästen nicht aufgefallen sind. Sonst hätte der Kahn doch glatt noch zum Baurat gemusst.

Dann entbrennt noch eine Diskussion über das zulässige Fahrtgebiet. Ein Blick ins Seetagebuch offenbart den Eintrag „Dänische Südsee“. Das nautische Patent unseres Skippers gilt für „nationale Fahrt“.
Nach unserer Einschätzung weiß der Qualle-Chef auch in dänischen Gewässern, was zu tun ist.

Bekommen ausländische Flaggen das gleiche Programm? Stehen im Falle einer Sichtung die Beamten am Fenster und rufen „Eckart, die Russen sind da!!“..?

Gefühltes und geschriebenes Recht sind hier wohl zwei Paar Bordschuhe. Die beiden machen Ihren Job und dienen damit fraglos unserer Sicherheit. Aber wo bleibt der Ermessensspielraum?

Die Diskussion an Bord erreicht einen Punkt, an dem wir Gäste diskret Salon und Schiff verlassen. Ein etwaiges Tötungsdelikt an zwei Ordnungshütern sollte besser unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen.
Wir hören den Junior-Sheriff noch sagen, er kenne sich da in den Paragraphen noch nicht so aus.

Konter unseres Skippers: „Wenn ich mich in meinem Job so gut auskenne wie Sie in Ihrem, dann ist ja alles korrekt“…

Als wir eine halbe Stunde später zurückkehren, sind die beiden verschwunden.

Sie wurden nicht mehr gesehen.

Bis zum nächsten Einlaufen in die Drive-In-Spur…

 

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