Børn Om Bord

Juni 2016

Ist das Boot etwa schon seit März im Wasser? Die Zeit fliegt! Mit Ihr auch alles andere – seit März gab es einen Betriebsübergang meines Arbeitgebers, eine Traditionsseglertörn, meine Ernennung zur ehrenamtlichen Mitschreiberin bei www.segelnblogs.de und natürlich Wochenenden auf HOBOzwo. Die Tage müssten sich proportional zur Bootsgröße verhalten. Pro Fuß eine Stunde = 28 Stunden am Tag :-).

Also, die See ruht auf keinen Fall still, und HOBOzwo schwimmt nicht nur sondern macht auch Spaß. Wir haben uns sortiert, werden so sachte warm miteinander und nun gilt es – das erste Einhand Wochenende steht bevor.

Besser: es steht mir bevor. Denn ich habe Hilfe von meinen Kindern. Oder Handicap. Je nachdem, wie man es nimmt. Börn Om Bord – Kinder an Bord, wie eine Kampagne der Dansk Sejlunion wirbt. Damit werden Familiencrews angesprochen. Ich habe die Flagge leider nicht, bin aber ja auch irgendwie Familiencrew…

2016-06-25_09-57-41

Das Wetter ist sonnig, schwachwindig und schlichtweg traumhaft. Strahleblaues, softeisiges, wolkenbetupftes Sommerbrisen-Wetter.

Somit fehlt mir jegliche Ausrede, es NICHT zu versuchen – Einhand mit Kindern. Marc hat andere Termine, also muß ich jetzt mal ran. Janne liegt mir bereits seit letztem Sommer in den Ohren. Sie will segeln – alleine mit Mama. Am besten auch ohne Tim, aber der ist ja nun mal Teil der Crew.

Wie gut, dass Kinder sich absolut null Gedanken über mütterliche Bedenken machen. Bevor wir während der Anreise Neumünster passieren, haben die beiden beschlossen: Janne wird die Leinen am Vorschiff bedienen und Tim „hilft“ im Cockpit.

Sie ahnen nicht, dass ich echt Respekt vor einem Törn alleine mit meinen zwei kleinen Akustikfendern habe. Abgesehen von den Reibereien zwischen beiden – es darf halt nichts passieren. Mir nicht und den beiden nicht.

Am Samstag packe ich also die Strecktaue aus und montiere sie unter Jannes kritischen Blicken. „Brauchen wir die wirklich?“ Ich erkläre beiden, dass sie so alleine auf das Vorschiff dürfen – was sie super finden. Tim ist das egal. Mit gerade sieben Jahren ist er der kleine Piratenkapitän. Hat keine Gedanken an Angst, das alles ist ein cooles Abenteuer.

Doch ich kann sehen, wie Jannes Gehirnwindungen rattern. Sie überlegt – was das bitteschön alles soll? Strecktaue. Funkgerät…?

Wir hocken uns ins Cockpit und überlegen gemeinsam, was sie tun kann, wenn Mama mit Beule am Kopf im Cockpit liegen bleibt und nicht mehr aufsteht. Ich tische ihr ein Worst-Case-Szenario auf und warte auf Ihre Reaktion. Die fällt recht cool aus: „Wir sollten uns ein rotes Handtuch kaufen – aber das orange-farbene geht auch“.

Wir habe nämlich alle möglichen Notsignale besprochen. Vor den Seenotraketen hat sie Respekt – sie sind definitiv nicht kindertauglich. Den roten DSC-Knopf an der Funke wird sie finden. Die Kombi aus rund (Ankerball) und eckig (Handtuch) findet sie lustig – das wird aber wohl kaum praktikabel sein. Winken will sie – mit den Handtuch – und die Signaltröte Tim in die Hand drücken. Der ist nämlich eine 1-A Lärm-Fachkraft.

Ich habe einerseits meine Skrupel, illusorisch, dass die Kinder im Notfall in der Lage wären, zu reagieren – aber Jannes Ernsthaftigkeit beeindruckt mich. Andererseits werden wir meinem Bruder entgegen segeln und haben so zumindest aus der Ferne einen Backup.

Also los. 2-3 Windstärken. Achterlich auf die Box. Easy. Trotzdem Adrenalin. Den Motor mache ich erst an, nachdem ich das Boot zwischen die Dalben verholt habe. Das dauert Janne zu lange. „Kann ich die Vorleine JETZT ENDLICH losmachen?!?“ Sie hat einen Plan im Kopf und die Stimmung kippt, sobald die Realität davon abweicht.

Tief durchatmen!

Leinen los, Rückwärtsgang rein, sachte gleitet das Boot aus der Box, die Kinder beschallen mich pflichtbewusst mit Lagemeldungen zu Gegenverkehr.

Dann der Brüller von Tim: „Du hast gar nicht so hektisch abgelegt wie Papa“. Jaa, ehrlich gesagt habe ich es schnarchend langsam gemacht – von Hand verholen dauert halt.

Mama bleibt gleich tatsächlich reglos im Cockpit liegen, aber dann wegen lachbedingter Schnappatmung.

Fender rein – Kinderarbeit! Aus dem Hafen raus, Pinnenpilot an, in den Wind, Segel hoch. Das klappt wie am Schnürchen. Ich erwärme mich erstmals für unsere eiserne Hand namens „Gustav“ – so sein Name am Schaltpaneel. Grundsätzlich fühle ich mich ferngesteuert irgendwie unwohl. Aber alleine ist das eine super Sache, denn auch der kleine Hunger ist mit an Bord und fordert prompte  Aufmerksamkeit. Gustav übernimmt und steuert uns Richtung Ausgang Sønderborg Bugt.

Überhaupt – Sicherheitsausrüstung für Kinder? Schwimmwesten, Stecktaue klar. Aber dann folgen sogleich: Schokoriegel, Kekse, Brote, Obst, Lego, Malbücher, Buntstifte. Alles, was begeistert, die Aufmerksamkeit positiv bindet und damit dem Skipper den Rücken frei hält.

Dann kommt der befürchtete Moment, der sich gut als Bestandteil des Ausbildungsprogramm für angehende SEK-Beamte anbietet. Entscheidungen unter Stress. Die Zwerge zoffen sich, Gegenverkehr, Windbö, Gustav umprogrammieren – alles schnell in der richtigen Reihenfolge tun beziehungsweise ignorieren.

Aber nach einer Weile klappt es und wir grooven uns ein – wenn man da bei unserer Familienschaukel von grooven sprechen kann. Es fühlt sich jedenfalls so an. Ich werfe den Kindern im Minutentakt Kekse ein und sie finden ihren Frieden und die im Vorschiff verschollenen Kuscheltiere wieder. Elefant Willi und Zebra Frida, nun ist wieder alles im Lot auf dem Boot.

Querab Westerholz machen Janne und Tim – mittlerweile mit Fernglas bewaffnet auf dem Vorschiff sitzend – etwa in Höhe der Schweinebucht das Boot meines Bruder  aus. Wir funken uns zusammen und sehen, wie er Kurs auf uns nimmt. Etwa 30 Minuten segeln wir anschließend Seite an Seite Richtung Innenförde, nur unter Groß gemächlich vor dem Wind treibend. Wir werfen uns die Ereignisse der vergangenen Wochen von Cockpit zu Cockpit zu – das Wasser ist ein wunderschöner Platz, sich zu treffen. Aber wir sollten dringend mal einen gemeinsamen Hafenabend zwecks sozialen updates dranhängen!

Den spontanen Plan, ihn „nach Hause“ zu begleiten, verwerfen dann doch ob der schlechten Wettervorhersage. So trennen sich die Wege nach viel zu kurzer Zeit, denn die Kreuz zurück nach Sonderburg wird wohl einige Zeit und Kindernerven in Anspruch nehmen.

Das tut sie tatsächlich – noch mehr Kekse folgen ihrer Bestimmung. Dafür werde ich mit Friendhip-Rauschefahrt von 6 kn belohnt und fühle mich dabei wie die Königin der Landstraße!

Wir finden unseren Weg sicher heim und landen sachte und auf den Punkt wieder in der eigenen Box – dank Jannes Ansagen und Leinenhilfe auf dem Vorschiff. Tim ist derweil wild entschlossen, den Leedalben achtern zu belegen. Aber ach, die kurzen Arme reichen nicht – er ist schrecklich bedröppelt und muss erst einmal getröstet werden. Egal! High-Five für meine „kleine“ Crew, das war unter dem Strich super und verdient ein Softeis!

Tim klart anschließend auf. Stolz wie Bolle präsentiert er sein Werk: ein astreiner Südchinesischer Wuhlingstek, fachgerecht und für alle Ewigkeit aufgeschossen und an der Reling verknotet.

Oh ich könnte gerade die Welt umarmen, alternativ sind meine Kinder ja auch nicht schlecht. Achtung Ostsee, wir kommen…!

 

 

 

 

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3 comments

  1. Danke!
    Das war wieder sehr schön erzählt, macht Spaß zu lesen und Lust auf Nachahmung.
    Deine Webseite hat mich letzten Winter ins träumen gebracht, dieses Jahr geht’s immerhin schon an die Schlei. Ein Anfang für uns Baggerlochmatrosen.

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    1. Guten Morgen und danke für den schönen Kommentar!
      Ob Baggerlochmatrosen oder Salzbuckel (sind wir ja auch noch lange nicht) – Meer geht immer 🙂

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  2. Moin Svenja,
    diese Flagge haben wir schon einigemale hier in dänischen Häfen gesehen, jetzt kennen wir dank Dir auch die Bedeutung.
    Kompliment Dir und Deiner „kleinen“ Crew für die gemeinsame Tour und Kompliment für den so amüsant und lebendig geschriebenen Bericht.
    Weiter eine gute Saison mit noch hoffentlich viel Sommerfeeling.
    Grüsse aus dem Guldborgsund von der Svea

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