Zeitlupenraffer

Gestatten: Svenja Carmen Lise Lotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Hartmutstochter Schwertfisch, erste Südseekapitänin der Welt. Es ist Anfang Juni 2015 und ich weiß noch nichts von meiner neuen Identität.

Heute morgen habe ich meine sieben Sachen in der Backkiste verstaut und die Leinen meiner kleinen segelnden nicht-ganz-sieben-Meter Behausung losgeworfen. Vor mir: nachtblau, smaragdgrün, bleigrau, schneeweiß, rotviolett – die unendliche Farbskala des Meeres und der Küste. Farben, die ich in den kommenden sieben Wochen frei Haus geliefert bekomme. Farben, an denen ich mich nie werde sattsehen können.

Sieben Wochen auf einen Streich. Etwa 40 Tage. Einhand.

Manchmal liegt das kleine Glück ganz nahe - nur knapp unter der Wasseroberfläche...

Manchmal liegt das kleine Glück ganz nahe – nur knapp unter der Wasseroberfläche…

248 Seemeilen werden es am Ende. Etwa 450 Kilometer. Ein Pappenstiel – echte Segelhelden absolvieren das in vier Tagen. Oder weniger. 450 durch 40. Ich segele also etwa 11 Kilometer am Tag. Langsamer als jeder Fußgänger. Willkommen in meiner kleinen, großen, gemächlichen, Lichtjahre entfernte Welt.

Meine Reise führt mich kreuz und quer durch die überschaubare Dänische Südsee – einer Ansammlung bezaubernder Inseln südlich der Hauptinsel Fünen, die als grüne Farbtupfen im Meer liegen.

Einen Sommer lang aus der Zeit gefallen.

Sieben Monate später.

Ich schreibe dies als Beitrag zum Thema „slow-travel“ des Blogs 1 THING TO DO – zur website 1thingtodo.de (http://1thingtodo.de/slow-travel-blogparade).

Ein Blick zurück…

Jetzt mischen sich die Meeresfarben erneut zu schönen Bildern in meinem Kopf. Der Gedankenstrom gleicht einem alten Super-8 Film aus Kindertagen und reiht wunderbare Zeitlupen-Ereignisse aneinander.

Etwa vom zweiten Tag auf dem Wasser. Abschied von der Flensburger Förde bei Flaute. Mein Boot schwebt langsam über eine spiegelglatte, tiefblaue Wasserfläche auf die rot und weiß in der Sonne leuchtende Ansteuerungstonne zu. Das Seezeichen weist ankommenden Schiffen den Weg in den enger werdenden Fjord. Für die gehenden Boote ist es die letzte Marke vor offenen Gewässern. Ihr langes, buntes Ebenbild spiegelt sich auf der Wasserfläche und weist mir den Weg in Richtung der nächsten Erinnerungen:

Etwa an das abendwarme Mauerwerk des weiß gekalkten Molenfeuers von Mommark. Ich sitze nur da. Rotschmelzendes Sommerlicht im Gesicht.

Und ich habe das Lachen eines portugiesisch – nepalesisches Brautpaares im Ohr, das im Hafen von Søby unversehens zu mir an Bord klettert.

Ich denke an die unwirtliche, graue Wind- und Regentage in Svendborg – da gab es dann doch bunte Kleckse im trüben Wetter. Die Glasbläserin mit Ihren farbenfrohen Vasen, die Einladung auf einen tiefroten Wein auf der Nachbaryacht und das sonnige Gemüt eines Museumsschiffers.

Ich staune wieder über die Farbvielfalt der Plattfische, die ich in blaugrauer Morgenfrühe vor Strynø aus den Netzen eines Inselfischers hole. Welche mit Augen nach links. Welche mit Augen nach rechts. Zwei werden mein Abendessen. Fisch nach Farben.

Und ich rieche ein Frühstück, umweht von frischem Kaffeeduft. Ein Wachmacher, den ein netter Mensch mir ans Boot bringt. Ich genieße italienische Küche auf einem niederländischen Plattbodenschiff und finde innerhalb der rauen Bordwände eines Traditionsschiffes Obdach und Vollpension für zwei sehr windreiche Tage.

Und langsam, ganz langsam, darf ich Svenja Schwertfisch, die erste Südseekapitänin der Welt werden. So getauft von einem echten Ostseekapitän. Die Welt hat sich mir ganz langsam so gemacht, wie es mir gefällt. Mein Zutun: 11 Kilometer am Tag segeln.

Ein Zeitlupenmoment reiht sich so an den nächsten. Gemächlich ziehen Sie jetzt an meinem inneren Auge vorbei. Zu viele, sie alle hier zu beschreiben. Dafür bräuchte es dann einen Zeitlupenraffer. Und der wird für diese Art des Reisens hoffentlich nie erfunden werden!

 

2+

1 comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.