Der heilige Hartmut – hier liegen Sie richtig

Sonntag, 27.12.16

„Zwischen den Jahren.“ Das ist ja die Zeit der Rückschau. Dann schaun‘ ma mal.

Das Jahr hat das volle Spektrum von tiefenentspannt bis total erschöpft abgedeckt. Wer hoch fliegt, kann auch tief fallen, emotional gesehen. Das letzte Quartal hat viel Arbeit gebracht. Zu viel. Und zusammen mit der Einschulung von Sohnemann dann doch das klassische Teilzeit-Mutti-Raster. Immer auf dem Sprung von einem Termin zum nächsten. All das wollte ich nach dem Sommer anders und entspannter meistern. Leichter gesagt als getan. Aber alles in allem bin ich immer noch baff erstaunt, dass es die Reise gegeben hat. Ein Privileg, dass ich sie machen konnte und alles andere als stinknormal. Irgendwie klar, dass sich das Erlebte nicht geräuschlos in einen sonst eher alltäglichen Ablauf einfügt, gerade wenn die Sehnsucht bleibt. Gerne würde ich die schöne Stimmung und besondere Begegnungen des Sommers mit besonderen Menschen festhalten, aber es gelingt gerade nicht so recht. Das macht mich traurig. Die Geräuschkulisse ist momentan etwas quietschig, schrill und ungeölt. Aber im Herzen klingen die schönen Töne angenehm und tief nach. Und das Glück wartet ja bekanntlich immer hinter der nächsten Ecke. Ich muß halt nur weitergehen. Ich wette, ich laufe bald wieder mitten hinein.

Zur weiteren Rückschau – Ich habe in meinen Folder gestöbert und ein Fragment für einen Blogeintrag gefunden, das dort seit kurz nach Beginn meiner Sommerreise schlummerte.

Der ursprüngliche Titel: „Der heilige Hartmut.“

Stimmt, da war ja jemand, der immer auf mich aufgepasst hat. Da ich ihn zwischenzeitlich hier und da erwähnt habe, möchte ich ihn Euch hier etwas näher vorstellen.
Unsere damalige phillipinische Nachbarin Conny hauchte Mitte der 1980er in schönstem Pidgeon-Englisch den fortan geflügelten Satz: „Oh, Mistel Neumann looks like Bud Spencer!“
Na, dann mal vier Fäuste für ein Ahoi. Er hatte es jedenfalls vier Fäuste dick hinter den Ohren.
Und er fuhr zur See. Beides sieht man auf dem Foto.

Der heilige Hartmut

Der heilige Hartmut

Da er sich durch zu frühes Ableben leider vorzeitig von den Seestreitkräften zur Luftwaffe davongemacht hat, habe ich ihn kurzerhand zum persönlichen Schutzheiligen für alle familiären Wassersportaktivitäten erklärt. Nicht erst 2015 anlässlich meiner einhändigen Segelreise, sondern bereits 2005 nach seinem überraschenden Überlaufen zu den himmlischen Teilstreitkräften, oder sollte ich besser sagen: den himmlischen Heerscharen? Passt ja ganz gut zur aktuellen Jahreszeit.

Jedenfalls hat er seinen Job seitdem ganz gut gemacht. Ich denke da an meine Selbstversenkungsversuche unter Zuhilfenahme eines Surfbretts, wie z.B. vor Dueodde am kräftig umströmten Südzipfel Bornholms oder bei Klitmøller am nicht minder umbrandeten Eingang der Jammerbugt, die Ihren Namen nicht ohne Grund trägt. Irgendwer hat meine hartnäckigen Absetzungsversuche in Richtung Baltikum bzw England vereitelt.

Mit zunehmender Größe des schwimmenden Untersatzes werden die Anforderungen an den Schutzengel immer komplexer. Da ist so ein privater Heiliger kein übertriebener Luxus. Und praktisch ist er außerdem, können sich doch St. Nikolaus, mein Schutzengel und er die Arbeit teilen. Nach dem altbekannten Motto: „TEAM – Toll Ein anderer machts!“

Mit seinem Kommandantenwimpel als Reliquie am Kartenaltar habe ich ihn also während meiner Reise brav in mein alltägliches navigatorisches Morgengebet eingeschlossen.

Und wieder hat das ganz gut funktioniert mit der schützenden Hand über bzw. unter mir.

Die kleinen Kreuzseen im Svendborgsund hat er Rasmus gut mixen lassen, sonst wäre ich in die größeren vor Skarø geraten, von denen mir die BALESIN-Crew später berichtete. Ich bin umgekehrt, nur um mich kurz darauf fast von der Ærøfähre umfahren zu lassen. Aber eben nur fast. Die ganze Ecke hatte es sowieso in sich. Auch die eine grüne Fahrwassertonne im Rudkøbing Løb habe ich nur um Haaresbreite verfehlt – ich war gerade auf der Seekarte am Suchen. Setzt hier etwa Strom?!? Und ich habe dabei die Tonnen falsch abgezählt, so dass ich erst einmal fröhlich aufs Flach geschippert bin. Warum ist hier nur noch 0,20 m Wasser?!?

Ja, er hat seine Sache „ganz anständig“ erledigt, wie Helmut Schmidt vermutlich sagen würde.

Leider liegt er 6 feet under auf dem Friedhof von Adelby. Richtig läge er Sommers wie Winters bei uns an Bord. Zumal ich es ihm echt übelnehme, dass ich mir all die Seefrauschaft und Navigation nun im Alleingang aneignen muß, weil sich der Herr Nautiker zu früh abgesetzt hat. Muß ich das am Ende noch selber an der FH Flensburg studieren? Jahreswechsel ist ja auch immer der Zeit der Neuorientierung. Und meinen aktuellen Job finde ich momentan so ziemlich zum Wegorientieren.

Bei einem weihnachtlichen Besuch in Flensburg bittet meine Mutter mich, einmal am Friedhof Halt zu machen. Ich will mich drücken. Ich besuche meinen Vater lieber im Geiste irgendwo auf See. Aber meine Kinder möchten, daß ich tragen helfe. Jemand muß Opa Seebär das neue „Grabgestrüpp“ (ja, wir sind da immer etwas respektlos) bringen. Na gut. Der 6-jährige Sohn verkündet: „Ich weiß, wie es ist, wenn man tot ist. Dann liegt man ohne bewegen einfach so rum und wird dann eingebuddelt.“

Gut auf den Punkt gebracht. Hilft ja nichts. Das Grabgestrüpps hat übrigens ein wenig gelitten, weil der Kofferraum mit Fendern und Leinen vollgestopft war, die wir für das neue Boot bei einem Freund meines Vaters abgestaubt haben. Ich denke, den Familienheiligen juckt es nicht. Er hätte anstelle verknitterten Grünzeugs bestimmt lieber einen Fender auf dem Grab. Da wäre er auch respektlos. Looks like Bud Spencer.

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