Einmal München – Antalya, bitte.

Montag, 21.12.15

Es ist Montag. Kurz nach 07:00 Uhr in der Frühe. Ich sitze im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Alles ist dunkel um mich herum. Fußgänger schälen sich im letzten Moment aus dem Schwarz dieses Morgens.

Ich träume. 25 Kilometer zur Arbeit. 30 Minuten. Von Licht, Sonne und Farben.

„Darf man das, einfach einem Traum folgen, nur weil er immer wiederkehrt?“

Am Freitag lag der Film „Einmal München – Antalya, bitte.“ von Thomas Käsbohrer, erschienen bei Millemari im Briefkasten. Er hat den Traum, den ich diesen Sommer während meines eigenen Einhandtörns geträumt habe wieder sehr lebendig werden lassen.

Das DVD-Cover verspricht „eine sinnlich-poetische Reise mit einem kleinen Segelboot“, die Thomas mit der oben gestellten Frage nach dem „Darf man das?“ eröffnet.

Allein mit dieser Frage bin ich persönlich mittendrin in diesem Traum. Das kleine Segelboot LEVJE nimmt mich mit auf die historische Route, der Thomas da vom slowenischen Izola bis Antalya folgt. Bilder werden lebendig. Auf dem Bildschirm und in meinem Kopf.

Das leuchtende Grün der Adria repräsentiert irgendwie auch „mein“ Grün. Das ist weit weg vom Mittelmeer, auf dem ich noch nie gesegelt bin. Aber das ist egal. Das Mittelmeer ist die Projektionsfläche für Thomas‘ Traum. Sein ganz persönlicher Traum. Aber es geht auch um das Träumen an sich, sich treiben lassen, auf dem Boot schlafen gehen und aufwachen. Von Tag zu Tag. Und so ist das Mittelmeer-Grün eben auch das Grün der Dänischen Südsee. Mein ganz persönlicher Traum. Im Kopf sitze ich wieder auf dem Außensteg des Hafens von Strynø, während die Sonne eine Gewitterwolke über Rudkøbing in sattes Grau taucht und das Meer vor dem Hafen smaragdfarben leuchtet.

Nicht Adriagrün - aber mein Grün!

Nicht Adriagrün – aber mein Grün!

Thomas steht inmitten der Ruhe eines griechischen Klosters – ich sitze in der Frue Kirke in Svendborg. Allein in dem mächtigen Bau. Die Sonne hinter den bunten Fenstern. Das Knacken und Arbeiten von Holz in der Stille.

Ich höre die Geräusche der Reise, des Windes, des Wassers. Die Suche nach dem Ursprung eines Glockenspiels in einem Mittelmeerhafen könnte auch dem Klokketårn von Faaborg gelten.

Und dann sind da die Begegnungen, die berühren und inspirieren. Wie die Begegnung mit der Nonna Sistina auf einer italienischen Insel, die vermutlich auf einem dänischen Eiland einen Bruder hat – einen Pfeife rauchenden älteren Fischer.

Vielleicht berührt mich dieser Film so sehr, weil er meine eigenen Eindrücke einer Segelreise lebendig macht.

Wer einen faktenbasierten Bericht über das Einhandsegeln sucht, wird enttäuscht werden. Dies ist kein Film der O-Töne von langen Etmalen. Tipps zu Einhand-Manövern sucht man vergebens.

Wer den Film aus höflichem Interesse schaut, wird ihn wohlmöglich nur „ganz nett“ finden.

Aber Thomas berichtet auf ruhige, unaufgeregte Weise als Kommentator aus dem Hintergrund. Die Bilder und Musik sprechen für sich. Sie sind vielleicht nicht außergewöhnlicher als die Bilder anderer Reiseberichte, ihre Intensität bekommen sie durch den Traum, der hinter der Reise steht.

Der Film ist für alle etwas, die Sehnsucht haben. Alle, die sich ebenfalls fragen, ob man einem Traum folgen darf. Für all diese Betrachter wird der Film vermutlich nicht nur die äußeren Eindrücke einer Reise wiedergeben, sondern das Gefühl für den Augenblicks einfangen.

Und, darf man das nun? Einfach einem Traum folgen? Ja, unbedingt!

Bei der Arbeit angekommen, knallt es mir bunt von meinem Schreibtisch entgegen. Konfetti. Luftschlangen. Ich hatte am Wochenende Geburtstag. Meine Kollegin hat einen kleinen Tischkalender besorgt. Das Deckblatt: Tonne 6, die Schwiegermutter in der Flensburger Förde. Leuchtend Rot. Mein Heimatrevier. Sie wusste es nicht, für sie war der Kalender einfach „ganz nett“. Für mich ist das ein kleiner Tagtraum. Geht doch mit dem Träumen!