Am Ende der Straße

Donnerstag, 20.08.15

Im Entwurfordner schlummert noch die Fortsetzung unseres Törns im August – es ging noch weiter von der Dyvig nach Augustenborg. Aber lest selber…

Aus Südost kommt auch heute der Wind und für Südosten haben wir uns entschieden. Während des abendlichen Grillens mit der Akka-Crew erörterten wir die Optionen für heute. Unser Sommertön neigt sich unwideruflich dem Ende zu, aber uns ist noch nicht nach Sonderborg oder gar Bockholwik. Als Henkers-Stop könnte Augustenborg dienen. Dort wollten wir immer schon einmal hin, haben aber aufgrund der etwas abgelegenen Örtlichkeit in der Sackgasse des Augustenborgborg Fjords und der ungewissen Kindertauglichkeit den Blinker nach bzw. vor Passage des Alssund stets gen Nordwest oder Süd gesetzt.

Am Ende der Straße unter einem Lindenbaum...hat auch H. C. Andersen schon gesessen...

Am Ende der Straße unter einem Lindenbaum…hat auch H. C. Andersen schon gesessen…

Heute gilt es also. Marcel und Ann-Cathrin haben sich nicht grundsätzlich negativ über Augustenborg geäußert, zählen das Ziel aber auch nicht zu den „Top 10 places to see before you die“. Wir lassen es drauf ankommen und brechen bei marginalem Wind zu den südlichen Ufern des Fjords auf.

Ann-Cathrin dreht ein actiongeladenes Video unserer Abfahrt. Null wind, Außenborder in Entfaltung seiner 5 PS, während die Bootsfrau Fender einholt. für Hollywood reicht es nicht, aber ergänzt das Familienalbum sehr schön.

Die Segel gehen noch in der Dyvig hoch, aber Windstärke und Richtung lassen ein Auslaufen unter Segel nicht zu. Der Motor schiebt also bei der Passage der Zufahrt mit. Vorher hat er uns noch an einem Sportboot im Schleppverband vorbei geschubst. Abgesehen davon fällt uns wieder auf, wie viele wirklich tolle Yachten rumfahren, die WIR gerne SEGELN würden. Denen begegnet man dann aber meist unter Motor. Warum? Sind wir später auch mal so? Das ist wahrscheinlich wie mit all den Plänen, die wir als werdende Eltern hatten: „Wir machen das anders. Wir nehmen unsere Kinder ganz locker mit auf Parties und legen sie da schlafen. Wir werden IMMER surfen fahren…!“ Such den Fehler.

Jenseits der kleinen Steilküste und der gelben Tonne am südlichen Ausgang der Bucht wartet ein bisschen Wind auf uns. Ein zwar entgegengesetztes aber freundliches Lüftchen, das uns auf gemächlicher Kreuz nach Südosten schickt. Wir passieren wie schon einige Male während dieser Saison die Fähre von Ballebro nach Hardershoj. Wir mir scheint die einzige, die willig Sportboote abpasst und in gewissem Maße freie Lücken zwischen den Freizeitschiffen nutzt. Wir fahren unsere Wenden kurz vor den 3m Linien der Knarhoj Bugt im Süden und Sandvig im Norden. Sonne, lauer Wind, weiße Segel auf blauem Wasser. Boote, die der Ost-Gefahrentonne am nördlichen Alssund zustreben und dann nach Süden abbiegen. Wir segeln heute weiter, die Kreuzschläge werden kürzer bis unter Land des Sonderborg Lufthavn und nahe des Flachs vor Katholm.

Am Flughafen fordern Schilder Sportboote ab einer gewissen Masthöhe auf, einen Mindestabstand zum Ufer einzuhalten. Nicht dass der Windex abrasiert wird! Immerhin könne wir eine Landung besichtigen und haben damit einen Eindruck, wohin die Flugzeuge wollen, die gestern Abend und während unseres Familien-Mjelsvig-Trips Anfang August UFO-gleich die Nacht erhellten.

Wir kreuzen uns noch bis an die betonnte Fahrrinne des Fjords heran, streichen aber aufgrund des eher östlich drehenden Windes im Trichter des Fjords die Segel. Die letzten Meter durch die Enge vor dem Hafen führen unter Motor vorbei an kleinen „Tönnchen“, den Ruderclub und das Ufer an Backbord wie in der Dyvig zum Greifen nah. So gesehen wieder eine lustige Zufahrt, die zumindest ein bisschen Aufmerksamkeit erfordert. Die Betonnung endet unmittelbar vor den Boxengassen am Hafen. Dort endet sowieso alles. Am Ende der Straße. Wer weiter geradeaus fährt, fährt Bruch. Danach kommt nur ein Binnensee, der jenseits des Straßendamms liegt. Der Handelshafen an Backbord bietet eine kleine, nicht öffentliche Clubanlage mit Stegen und Liegemöglichkeiten für größeren Schiffe längsseits der Mole unterhalb der Getreidesilos. An Steuerbord öffnen sich die Gassen der Marina. Fein säuberlich sortiert und ausgeschildert nach Bootsgröße. Dem folgend ordnen wir uns in der vorletzten Gasse ein. Ich will mal wieder ran und tuckere dem Ende der Gasse entgegen. An Steuerbord einige freie Boxen, eine lustige Mischung aus Anlegen zwischen Dalben und längsseits am Steg, denn alle zwei Boxen begrenzen kleine Stege den Liegeplatz bis auf bis auf halbe Tiefe. Wir schieben uns in eine freie Box und werden von einem Schweizer angenommen. Die Eidgenössische Flagge am Achterstag ist mal nicht nicht die Norm in diesen Breiten. Einen seiner Landsleute traf ich während eines Söby-Stopps. Häufiger sah ich die englische und natürlich die Niederländische Flagge. Ein Schwede war noch dabei. Der Nachbar ist nicht ganz so schweigsam, wie es dem Bergvolk zugeschrieben wird. Er berichtet von seinen zwei „Schneckenhäusern“ – dem kleinem Boot hier in Augustenborg und einem in Norwegen. Und schwärmt von der guten Anbindung. Per Flugzeug. Er sei Pilot. Seit er keine eigene Maschine mehr besitze, sei aber die Anreise etwas langwieriger…Das glauben wir ungesehen!

Ein erster Erkundungsgang im Hafen und später im Ort vermitteln uns, warum Marcel und Ann-Cathrin weder abgeneigt noch wirklich zugeneigt waren. Die Hafenanlage liegt sehr schön und gepflegt im Grünen. Mit der Werft ist eine gute Infrastruktur vorhanden. Es gibt einen netten Kinderspielplatz und einen kleinen angrenzenden Campingplatz – eher eine Campingwiese. Aber Kinder sind eher Mangelware. Abgesehen vom Spielplatz fehlt auch irgendwie naturnahe Kinder-Infrastruktur. Kein Strand zum Planschen oder Krebse angeln. In unmittelbarer Nähe des Hafens sieht es mau aus mit Badevergnügen. Die Hauptattraktionen richten sich wohl eher an die Großen. Unweit des Hafens ist der Skulpturenpark mit dem angrenzenden Kunstmuseum zu besichtigen, das einen Ruf über die Region hinaus besitzt. Zudem ist das Augustenborg Slot – heute als Psychiatrie genutzt – ein eindrucksvoller Residenzbau, der mit Schloss Gottorf in Schleswig mithalten kann.

Die kleine Altstadt ist hübsch aber sehr verschlafen. Vor dem Kaufladen in der Möllegade parkt ein altes Mofa, das den 70ern entsprungen ist. Der Laden ebenso. Beides zusammen fotografiert, mit orange überzogen – fertig ist die Originalaufnahme aus der Kindheit. Später finden wir im Stadionvej, 15 Minuten Fußmarsch vom Hafen entfernt, noch den Superbrugsen mit Vollsortiment, aber auch hier Leerstand in der Ladenzeile.

Mit dem Boot hierher zu kommen ist tatsächlich eine halbe Tagesreise. Mit dem Auto ist man in kürzester Zeit in Sonderburg. Da dürfte sich das Arbeitsleben vieler Bewohner abspielen, so ausgestorben, wie der Ort an einem Werktag ist. Und ein bisschen erinnert mich das Kleinstadtidyll mit seinen wenigen Statisten an die Truman-Show, die hatten wir ja schon einmal…