Götterdämmerung

Freitag, 09.10.15 – Sonntag, 11.10.15

Wir sitzen in Glücksburg auf der Terrasse des Sandwig Bistro-Cafe-Bar am Strand, mit Sitzkissen und Decken in die aus weißen, rohen Brettern gebauten Sessel gelümmelt. Das Personal hat uns die volle Verfügung über die Polsterbox zugesprochen, denn wir sind die einzigen Gäste draußen. Es ist 19:45 Uhr, dunkel, frisch, aber auf unseren Knien dampfen eine Ofenkartoffel und eine Portion Fish’n Chips, auf dem rohen Holztischchen vor uns zischt ein Alster im Glas. Drinnen war alles voll, und dieser Umstand verhilft uns zum vielleicht letzten – zwar nicht lauen- aber schönen Abend am Strand.

Saisondämmerung...

Saisondämmerung…

Schweigend wandert der Blick über das Funkeln auf und jenseits des Wassers. Autos auf der Uferstraße der Dänischen Seite. Die fernen Lichter von Flensburg und vereinzelter Schiffsverkehr auf dem Wasser, an dem wir schließlich unsere Kenntnisse in Lichterführung proben. „Kommt der unter Segel? Nein, unter Motor!“

In unserem Rücken liegt das verwaiste Intermar Hotel, dessen Vorhänge von Staub und Sonne über die Jahre welk geworden sind. Hier und da ein Lichtschimmer aus einer Handvoll Appartements, die sich immer noch in Privatbesitz befinden. Wie mag das sein, in einem aufgegeben Bau zu leben? Vom Nachbarhaus weht ein Lichtsignal herüber. Gleichmäßige Wiederkehr. Wir zählen…ein Blink, 3 sec Lichterscheinung…5 sec Dunkel…hää, was ist denn das für eine Ansteuerung, macht doch von der Position her gar keinen Sinn?!? Später sehen wir, dass sich da jemand einen ausgewachsenen Leuchtturm auf den Balkon gebaut hat. Charmant, denn die Straßenlaterne ein paar Stockwerke tiefer ist gegen See abgeschirmt. Pensionierte Strandräuber am Werk!

Wir sind heute gegen 16:00 aus Hamburg aufgebrochen. Als ersten Wegpunkt hatten wir die Adresse des Bauerns in Großsolt einprogrammiert, bei dem unser Bootstrailer übersommert hat. Als wir dort von der Schleswiger Landstraße in die Mini-Alle mit 6 Baumpaaren einfahren, sehen wir Hobos rollende Schlafstatt schon auf der Kiesauffahrt stehen. Unser Hänger-Herbergsvater erscheint – „Das ist ja toll, alles schon parat!“. Wir begrüßen uns mit Handschlag. „Jaaa Moin, aber DAS ist nicht so toll…!“ Er geht zur Achse, rüttelt am rechten Rad. Das Radlager hat ordentlich Spiel. Klick-Klack-Klick-Klack. Er hat es geprüft, bevor er den Hänger aus der Scheune geholt hat, die bei ihm im Hochparterre liegt. Hmm, seit TÜV und einer 600 EUR Bremsen-und-Radsanierung sind nur wenige Kilometer ins Land gegangen. Wir entscheiden auf „losfahren“, vor Ort sind die Möglichkeiten begrenzt. Immerhin bietet er uns Hänger-Asyl an, sollten wir stranden. Marc denkt laut über die Optionen nach. KFZ-Rudax am Industriehafen Flensburg? 18:45 Uhr, haben die noch auf? Ach, wir fahren zu meinem Bruder Sven, der hat das notwendige Werkzeug. Ich rufe an. Keiner da. Nicht zu Hause, nicht im Hafen beim Boot. Weiter nach Glücksburg? Bockholmwik, zum Hafen, die slippen heute, da ist bestimmt noch einer? Tarup zu Sven? Flensburg?

Nach einigen Kilometern hält Marc, um das Ganze mal zu besichtigen. In einer Buskehre. Von der geht die Zufahrt zur Freiwilligen Dorf-Feuerwehr ab. Dahinter eine Hecke. Ach, und dahinter das Leuchtschild einer KFZ-Bude. 18:56. Es brennt noch Licht. Wir gucken uns an. Der Mensch muß auch mal Schwein haben. Marc zieht los, kommt mit Chefe wieder und für einen 10er zugunsten der Landjugend rettet der unseren Hänger und unterhält uns unterdessen noch mit einem netten Schnack. Feierabend wollte er heute schon um 17:00 Uhr machen…

Dank dieser unverhoffte Rettung können wir Ross und Reiter gegen 19:30 Uhr auf dem Parkplatz Quellental nahe des FSC Glücksburg abstellen, wo wir morgen Hobo an den Kran hängen werden. Und uns um unser Abendbrot kümmern.

Nachdem wir also unser Abendmahl vollendet haben, schlendern wir entlang der Promenade den kurzen Weg zum Parkplatz zurück, vorbei am Gelände der Hanseatischen Yachtschule, wo zu fortgeschrittener Stunde für die Segel-Bundesliga aufgebaut wird. Teams und Boote sind vor Ort, Hobo macht sich dagegen aus wie eine Gummiente. Aber eine geliebte Gummiente. Das Taxi nach Bockholmwik ist bestellt und fährt auf den Parkplatz, als wir gerade von der Fußgängerbrücke übers Noor Richtung Auto einbiegen. Perfektes Timing!

Der Fahrer tut alles für unseren Zeitplan und katapultiert uns gen Boot. Bockholmwik liegt am Arm der Heide, dort, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen, entsprechend überschaubar sind die Wege. Kurz vor Bockholmwik gibt es eine Weggabelung, und der Fahrer entscheidet sich gefühlt erst kurz vor Einschlag ins Straßenschild für die richtige Richtung. Von vorne kommt: „Upps, Entschuldigung!“ Jaa, so eilig hatten wir das nun auch nicht mit Saisonende.

Am Hafen wartet nun also die letzte Nacht auf Hobo. Über dem Clubgelände steht noch Flutlicht und eine Dieselwolke vom LKW-Kran, als wir uns Kojenfertig machen. Vom entfernten Steg aus betrachtet etwas gespenstisch. Götterdämmerung!