Aussicht auf Landregen

Samstag, 15.08.15
Gut, die Aussicht kam vor dem Landregen. Glücklicherweise, denn Krantermin mit Regen wäre wirklich doof gewesen. Der nächtliche Gewitterspuk ist vorbei, die Sonne scheint (noch), wo gestern zu viel Wind war, ist heute eher zu wenig. Nur 2 Windstärken aus Nordwest. Für die Krankaktion ist das erst einmal gut. Für die spätere Segeletappe nach Årø läßt das Wetter noch Fragen offen.
Es ist 10:00 Uhr. Die Stegnachbarn stehen mit Bootsmansstuhl Gewehr bei Fuß und wir umrunden das Hafenbecken in Richtung Mastenkran. Der Hafenmeister war schon mal da, wir sahen ihn vorhin dann mit seinem roten Kleinbus wegfahren. Es gibt zwar offizielle „Öffnungszeiten“ – wir bewegen uns gerade außerhalb der Sprechstunde – aber die sind relativ, denn meistens werkelt der Hafenchef irgendwo auf dem Gelände herum, wenn er nicht in seinem Gartensessel sitzt und rauchen wartet. Momentan tut er weder das eine noch das andere. Das Kranen ist also „dänisch c.t.“.

Eckart, die Russen kommen, oder die Ga...Ga...Gallier?!?

Eckart, die Russen kommen, oder die Ga…Ga…Gallier?!?

Wir wollen unsere Helfer nicht warten lassen, wobei die entspannt darauf hinweisen, daß heute für sie Hafentag sei. („Und – verschmitzt – meine Frau macht an Bord gerade den Abwasch, das müsste ich sonst tun“). Also werde ich noch einmal aktiv, suche und finde am Aushang des Havnefogeds Telefonnummer und bekomme ihn auch zu fassen. Dänisch am Telefon ist eine andere Sache, aber er erbarmt sich meiner und wiederholt das Gesagte auf Deutsch. Wir verständigen uns, daß seine Frau den Schlüssel für den Kran bringt. Wenig später kommt sie mit dem Fahrrad angefahren, schließt uns den Kran auf und wir verbleiben, daß ich mich an Bord des ihres Motorbootes melde, wenn wir fertig sind. Auf die Frage, ob ich das Geld für den Kran später in den Briefkasten packen soll, winkt sie ab. Wir brauchen nichts bezahlen. Das ist mal nett, auch wenn unsere Urlaubskasse 60 Kronen verkraftet hätte. Das Urvertrauen, daß wir uns nicht zu Tode stürzen und auch ohne Einweisung wissen, was wir da tun, ist hier im nicht vorhandenen Preis inbegriffen. Zu Hause wurde unser Vorhaben mit Blick auf die eigene Sicherheit abgelehnt.

So, die BG Mitarbeiter jetzt also mal diese Passage auslassen…

Bewaffnet mit Bootsmannstuhl am Haken plus Lifeline und Großfall als „Fallback“ (wie treffend…) geht es für Marc also rein, rauf, runter, raus…Windgeber abgebaut…Knöpfchen drücken…rein, rauf, runter, raus…Windgeber wieder angebaut. Den schweißtreibenden Part des Kurbelns übernimmt – ganz Gentleman – erst unser Boxennachbar, gesteht dann aber sein ABC Pflaster im Rücken, so daß ich in der zweite Runde die Kurbel schwinge. Marc genießt die Aussicht (Die Ga…Ga…Gallier!). Viellecit ist es auch nur die Alsen-Fähre. Knapp kann Marc mich von der Selbstversenkung abhalten.  Und freut sich kindlich über den Erfolg der Aktion. Rubrik Männer und ihre Spielzeuge. (Leider stellen wir später fest, daß Nexus nun aus unerfindlichen Gründen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Windstärke anzeigt…).

Damit können wir Faldsled hinter uns lassen – ein Dankeschön an Helfer und Hafenmeister – und legen vom Kran weg diesmal nicht unter Handtuch, sondern unter Genua ab. Wir nehmen den Weg, den wir gekommen sind, südlich von Illum. Der Wind nimmt einen anderen Weg. Er schläft namlich sachte ein. Ab Leuchtturm Lindhoved auf Helnæs macht er Platz für ergiebigen Landregen. Wir dümpeln auf fast spiegelglattem Wasser, daß mit tausendfachen Einschußlöchern versehen ist, Kurs 300 Grad Richtung Årø. Hinter uns kommt unter Gennaker eine Seascape 18 langsam auf, auch ein Pärchen im Regen. Da der Wind fast weg ist, dümpeln wir eine ganze Weile Seite an Seite, die beiden haben das gleiche Ziel. Marc: „Ey, wir haben eine Seascape versägt!“. Wir geben auf, schmeißen die Unterwasser-Genua an, nehmen die Überwasser-Genua weg und tockern arbeitsteilig bis Årø, wo dann immerhin die Sonne wieder hervorblinzelt. Segeln ist Wassersport?!? Der Stegnachbar meint: „Euch fehlte offensichtlich die Sonne.“ Wir sehen aus wie zwei begossenen Pudel. Dann tragen wir die Sonne eben im Herzen. Aber länger hätte ich das Gegurke nicht zu haben brauchen. Vier Stunden im Regen, immer der gleiche Kurs, Flaute, die ganze Strecke motort…

Zum Trocknen der Klamotten sind wir dankbar für die Wetterbesserung, Hobo hängt von vorne bis achtern voll mit Öljacken, Hosen, Schuhen, Socken, Westen. Marc dreht eine Runde durch den Hafen und kehrt sichtlich besser gelaunt mit einem fetten Risted Hot Dog zurück. Ich ziehe gleich. Am Imbis Årøs Perle gibt es leckeren Schweinkram, frische Brötchen und die notwendigsten Alltagsartikel. Die Insel selber ist überschaubar. Der Hafen ist zwar nicht das optische Kleinod, da habe ich gemütlichere gesehen, und die sanitären Anlagen sind etwas abgerockt. Aber der Hafenmeister ist nett, und für kleinere Kinder steht ein großes Hüpfkissen bereit. Die gelbe Luftgiraffe funktioniert auch prima als Ansteuerung. Außerdem gibt es am Imbiss Kisten, in denen Kinder („und kindliche Seelen“) kleine Goldstücke schürfen und drinnen gegen ein Naschi eintauschen können. Im nahegelegenen Wald soll ein Naturspielplatz sein, den wir nicht angesehen haben, und an der Sliprampe steht eine Krabbenrennbahn, die diesen Namen verdient. Die Fähre nach Årøsund verkehrt ca. alle Stunde. Alles in allem weder ein Ort für Nachtschwärmer, aber auch nicht das totale Inselidyll. Trotzdem nett für ein oder zwei Nächte. Es herrscht eine entspannte und aufgrund der Fähre dennoch geschäftige Stimmung, da am Hafen ständiges kommen und gehen herrscht.