Ablegen unter Handtuch

Donnerstag, 13.08.15

Gestern ging es für uns von Mommark nach Lyø, anfangs wunderbares Hobo-Segeln mit fast sechs Knoten Fahrt und Nordwestlichen Winden, die uns später sehr zu Marcs Leidwesen verließen. Es fehlte an Geschwindigkeit und Beschäftigung. Aber der Inselhafen war noch recht leer, als wir eintrafen. Dieser Zustand änderte sich im Verlauf des Abends auch hier in Richtung brechend voll. Nun sind wir am Folgemorgen (noch) auf Lyø.  Ungetrübter Himmel in strahleblau. Es ist sommerlich warm. Der Hafen um 09:00 Uhr halb leer. Die Ankerbucht an Backbord des Hafens liegt spiegelglatt und gleissend im Sonnenschein. Das bedeutet zwei Dinge.

Sommerflaute auf Lyö

Sommerflaute auf Lyö

Erstens:

Wir haben die frühmorgendliche maritime Fluchtwelle verpasst. Geweckt hat uns gegen 08:30 Uhr das vielfältige PIEEEEP diverser Zündvorgänge, gefolgt von Motorenblubbern. Alle los auf der Jagd nach den besten Liegeplätzen? Oder alle Motorstrecke schinden, da es morgen mit 30 Knoten Wind wehen soll? Hier offenbart sich der Vorteil des Kleinkreuzer-Daseins. Wir bekommen auch dann noch einen Parkplatz, wenn wie gestern abend jeder Quadratzentimeter Boxengasse zugeparkt ist. Und unsere Etmale sind so kurz, daß wir getrost erst gegen Mittag starten können. Soweit die gute Nachricht.

Zweitens:

Hier die schlechte Nachricht: so einfach ist das nicht! Denn jetzt sind wir zu zweit auf Hobo. Und dann noch Mann und Frau; zudem verheiratet. Also Mar(c)s meets Venus. Ausgehend von obiger Lage könnte also alles gut sein. Ist es im Prinzip auch, aber was zählt sind die Zwischentöne. Hier also – in vollstem Einvernehmen mit und redigiert von Marc – ein kleiner Exkurs zu „Mann und Frau auf Kleinkreuzer“.

SEEKLAR

Da gehen die Auffassungen schon auseinander. Hier unsere persönliche Variation des Themas. Seeklar „weiblich“: IMMER! Alles rutschfest gestaut und aufgeräumt. Leinen alle klar. Heckreling weg. Reling frei von Anhängseln wie Handtüchern und Badezeug. Segel klar, ggf. nur mit einem Zeiser gesichert. Motor schon einmal mit externem Tank verbunden. Navigation auf Karte eingetragen und dergleichen mehr. Oder mit anderen Worten – es liegt bei mir eine „ausgeprägte weibliche Seeklar-Neurose“ vor. Seeklar „männlich“: je nach Wetter, Wind, Laune so wie oben. Aber selten. Bei Flaute unter Umständen gar nicht. Einfach mal los. Das ist dann der „lässig maskuline hang-loose Approach“. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen…

MANÖVER

Hier nicht ein- sondern ausparken. Alles ganz easy. Marc fragt, ob ich will. Will ich, aber nur wenn vorher die Handtücher von der Reling verschwunden sind. (Siehe „Seeklar-Neurose“). Die stören nicht nur mein Ästhetikempfinden, sondern auch meinen Bewegungsradius. Vor dem inneren Auge sehe ich mich verwickelt in ein orange-weiß gestreiftes Badelaken, während das dunkelblaue sich gerade um die Schraube des Außenborders wickelt. Marc sieht das entspannter, also beautrage ich ihn mit dem Ausparkmanöver und schone damit unserer beider Nerven. Und natürlich klappt das Ablegen unter Handtuch ganz reibungslos.

LEINEN-SORTIERERITIS

Das ist so: vom Passieren der Hafenausfarht an sortiere ich erst mal die nächsten zwei Seemeilen Leinen, Fender, Fallen, Niederholer und Schoten. Marc läßt diese die nächsten zwei Seemeilen erst einmal liegen und beschäftigt sich mit dem Wesentlichen, nämlich dem Segeln. Dafür nimmt er z. B. die von mir soeben sorgfältig aufgeschossene Großschot her und wickelt sie so ab, daß er sie sinnvoll halten kann.

STRECKE MACHEN

Sie: „Der Weg ist das Ziel“. Hauptsache unter Segeln. Wir haben ja Urlaub = Zeit. Also hangele ich mich auch bei 0-1 Winstärken von Hauch zu Hauch und freue mich wie Bolle auch über 0,5 Knoten Fahrt unter Segeln. Er:  „Wir wollen auch mal ankommen“. Wenn die NV-App bei ETA „niemals“ anzeigt, schlägt sein bereits vorhandenes und mühsam überspieltes Unbehagen in offene Meuterei um. Fällt der Satz „Mir ist langweilig!“, sollte die kluge Ehefrau sich bald dazu entschließen, den Motor zu starten. Möglichst, ohne zuvor den längst hinfälligen Seeklar-Zustand wieder herstellen zu wollen oder noch „nur noch mal eben“ per Sattelitentelefon ein Paar neue Schuhe beim Versandhandel des Vertrauens zu ordern.

KURS HALTEN

Auch dazu ist nicht sooo viel zu sagen. Wir haben uns im Sinne gewaltfreier Kommunikation auf den Hinweis „Das ist aber ein lustiger Kurs!“ geeinigt. Dann kann der/die Rudergänger/in das erstmal auf sich wirken lassen…

KOMMANDOS

Lauter Kapitäne, keine Matrosen. Klare Abstimmung und Rollenverteilung – staubtrocken ist alle Theorie. Er wie ich werfen unsere Meinung ins Geschehen, anstatt einfach mal den Mund zu halten und den anderen machen zu lassen. Oder schweigen, wo der andere eine Anweisung erwartet. Klasssiker sind: unverständliches Reden in die abgwandte Richtung und die Entfernungsangabe „noch ein Stück“ (tendenziell durch Sie).  Oder spontane, aufgeregt wirkende Anweisungen an den/die Skipper/in (tendenziell durch Ihn).

LANDGANG

Siehe „Mir ist langweilig!“. Ist ohne Aufschub fällig, sobald diese Aussage kommt. Wer an Land steigt, ist egal, nur schnell her mit jedweder Form von Aktivität. Und auf See? Da hilft nur eins, frei nach Dori und Bruce in FINDET NEMO: „einfach schwimmen, einfach schwimmen“ – oder: „Fische sind Freunde“.

Heute gelingt es uns, unsortiert und dennoch gewaltfrei von Lyø nach Faldsled zu kommen. Ich darf ein bischen mit 0,5 Knoten Fahrt segeln. Marc darf anschließend unter Motor die Steilküste bei Sønderhjørne runden und bittet mich anschließend zu übernehemen, um aus der Sonne rauszukommen.

Kurz vor Passage des Fährhafen Bøjden legt die Fähre ab, die ich schon eine Weile im Auge behalten hatte. Als die schwarze Rauchwolke aus den Schornsteinen pufft, geht sie auch schon rückwärts und die Nase schließt sich. Ich nehme Gas weg und lasse die Fähre ausparken und wenden, bevor ich unserem Kurs auf die Ostpitze Illums weiter folge. Der südliche Teil der Helnæs Bugt ist jenseits des Fährhafens zum Teil untief und Faldsled über veränderlich gesetzte Tonnengassen anzusteuern. Ich behalte das Lot im Auge, das mir plötzlich nur noch 0,6m Wasser unter dem Kiel anzeigt. Im Affekt schmeiße ich das Ruder hart Backbord und biege scharf ab. Quatsch, wie mir im nächsten Moment klar ist. Denn da ist eben die Fähre langefahren und hat das nur 5-6 m tiefe Wasser bis auf den Grund aufgewirbelt. Zu sehen an den Sedimenten auf der Wasseroberfläche, die das Lot täuschen. Ich gehe zurück auf Kurs. Das nachfolgende Boot schlägt auch einen linken Haken und folgt mir auf gleichem Wege. Ich muß schmunzeln.

Im weiteren Verlauf übernimmt Marc wieder und wir lotsen uns gemeinsam von Tonne zu Tonne, es macht Spaß, sich den Weg zu suchen. Faldsled erwartet uns schließlich mit einer perfekten Box für die morgen erwarteten 30 Knoten aus Ost – kurz und geschützt – dafür fällt umgehend ein Schwarm kleiner schwarzer Käferchen über uns her. Heute können wir sie abhalten, indem wir den Niedergang verhängen. Morgen wird sie dann hoffentlich der starke Wind fernhalten.