Schrecklich schön!

Tag 40, Mittwoch 15.07.15

Heute werde ich also nach 38 Tagen auf meiner kleinen schwimmenden Abenteuerinsel unwiderruflich das braune Plexiglasschott hinter mir abschließen und zu meiner Familie nach Hamburg zurückkehren.
Der Akt des Abschließens an sich ist ungewohnt, denn in Dänemark habe ich das höchst selten getan. Irgendwie schien mir da aucb kein Bedarf, und es ist auch nichts weggekommen. Allerdings berichteten mir Dänen von organisierten (ausländischen…?) Banden, die Boote ausräumen und ganze Heckspiegel mitsamt Außenbordern abschneiden – aber oft waren die Häfen so überschaubar und verträumt, daß jede Form von Kriminalität weit weg schien. „Dänen klauen anders.“ Sagte mir mal einer.

Nach Hause - Warten auf den Zug in Flensburg am Bahnhof

Nach Hause – Warten auf den Zug in Flensburg am Bahnhof

Schon gestern habe ich sortiert, was an Gepäck mitgeht und was im Boot bleibt. Davor war die Frage des Transportmittels zu klären. Meine Mutter hatte mir einen Shuttel-Service wahlweise nach Rendsburg oder Hamburg angeboten. Aber nachdem ich mich nun mehr als einen Monat irgendwo zwischen Spaziergänger- und Fahrradfahrtempo bewegt habe, überfordert es mich, in Bockholmwik ein Auto zu besteigen und nach zwei Stunden in Hamburg auszusteigen. Ein weiterer Aspekt ist, diesen Heimweg mit mir selbst zu verbringen und mit niemandem reden zu müssen. Ich will nach Hause, aber langsam. Ich will die Straße runtergehen und ankommen. Und wenn es gut läuft, werden sie alle meine-kleine-Farm-mäßig am nicht vorhandenen Zaun stehen und mir zuwinken.
Das Transportmittel der Stunde ist also Herrn Grubes Bimmelbahn. Sollte es heute zu Verspätungen kommen – super – entspricht ganz meiner Grundstimmung.
Ich beginne meinen Tag etwas zeitiger als mit Karen, mit dem liebgewonnenen Tee-und-Müsli-Ritual, bei wunderbarem Sonnenschein im Cockpit sitzend. Ich ertappe mich dabei, daß ich mit Hobo spreche. Dieses kleine Boot ist klasse. Vor einem Jahr habe ich mich gefragt, ob ich damit bedenkenlos in die Südsee starten kann. Heute kenne ich die Antwort, das Boot verträgt – dem alten Seglerspruch folgend – mehr als die Besatzung.
Anschließend sortiere ich mein überschaubares Gepäck und schaffe es bereits von Bord. Meine „Technik“ – Fotoapparat, Tablet, Telefon, Ladegeräte – und persönliche Dinge, Wäsche und einige Mitbringsel verteilt auf einen Rucksack plus eine Ikeatasche auf der kleinen Faltkarre, die ursprünglich für den Transport des externen Tanks gedacht war, aber nicht zum Einsatz kam. Nun ist sie endlich von Nutzen.
Den weiteren Vormittag verbringe ich damit, Hobo aufzuräumen und kindertauglich zurückzubauen, z.B. indem ich die Verpannungen an der Reling mitschiffs neu setze. Diese hatte ich entfernt, um die Fender besser raustreten zu können und eine Stolperfalle auszuräumen. Ich spüle und trockne Ankerleine und Ankerkasten, räume die Backskisten auf, sortiere, entferne schließlich den Landstromanschluß und schalte die Batterie aus.
Vorbei?
Wehmut. Das Taxi ist da, um mich nach Flensburg zum Bahnhof zu bringen. Ich nehme meine Gepäck. Am Rucksack hängt mein Einer-Wimpel und die Schnur mit all den Hafenmarken. Mein Schrein und gleichzeitig meine Trophäensammlung. Ich mache nochmal eine Runde um Hobo, alles ist aufgeräumt, alle Leinen und Fender fest. Danke Hobo. Wir haben das prima gemacht. Ich rede schon wieder mit unserem Boot…! Dann gehe ich den Holzsteg zum Strand rüber, diesmal ist es ein besonderer Abschied. Kein Hin- und Hergeräume mit Handwagen und Kindern, Kofferraumklappe auf, Kofferaumklappe zu…nur ich, mein Rucksack und meine Ikeatasche. Ich komme mir so aus der Zeit gehoben vor. So unwirklich. Als würde ich in einer großen, schillernden Seifenblase durch die Welt schweben. In meinem Zeitlupentempo, während draußen der Alltag abgeht.
Mein Reisegott schickt mir noch einmal die richtigen Menschen zu meiner Stimmung. Der Taxifahrer stammt aus Hessen und liebt es, alleine zu wandern. In puncto Tempo also ganz meine Wellenlänge. Ich berichte ihm vom Ohavsti, dem Wanderweg, der über die Inseln der Dänischen Südsee führt und die Shelters, die in regelmäßigen Abständen bereitstehen.
Am Bahnhof dann hält auch der ehemalige Staatsbetrieb eine entschleunigende Maßnahme bereit. Auf der Strecke Flensburg – Hamburg verkehrt bei Rendsburg ein Schienenersatzverkehr und ein wirklich netter und engagierter Bahnmitarbeiter leitet mich um auf die Verbindung Flensburg – Kiel – Hamburg, die ungefähr zur gleiche Zeit abfährt. Es bleibt noch reichlich Zeit, die ich in der Sonne auf dem Bahnsteig vertrödele. Die Umleitung bedeutet ca. 40 Minuten Fahrtverlängerung. Was ist das schon nach 38 Tagen im Schritttempo?
Am Bahnsteig wartet mit mir ein alleinreisender Mann, ebenfalls nur mit Rucksack unterwegs und auch recht gelassen wirkend. Er berichtet, daß er heute noch bis Heidelberg fahren will, wobei ihn die Verzögerung gleich zu Beginn seiner Reise nicht aus der Fassung zu bringen scheint. Sehr sympathisch. Ich bitte ihn, ein Foto von mir und meinen Trophäen zu machen, woraufhin er neugierig nachfragt, was das für Zettel seien – ich erkläre es Ihm. „Dann lese ich gerade ein Buch, das zu Ihnen passt!“ sagt er und zieht es aus der Seitentasche seines Rucksacks.
Es ist Sergio Bambarens »Das weiße Segel« – „Von dem Mut, seinen Sehnsüchten zu folgen: Das junge Paar Kate und Michael lässt alles hinter sich, um mit einem Segelboot zu neuen Horizonten aufzubrechen. Was sie erleben, ist unendlich viel kostbarer als alles, was sie aufgeben mussten. Eine Entdeckungsreise zum Ich auf den weiten Meeren des Südpazifiks.“ Ich kenne es nicht, aber der Klappentext passt. Ich weiß noch nicht, ob ich mein wahres ich gefunden habe. Die berümte Frage, wer ich bin und wenn ja wie viele, hat sich nicht klar beantwortet. Das finde ich aber auch nicht schlimm, das war nicht das eigentliche Ziel meiner Reise. Aber ich bin trotzdem gespannt, ob und was der Törn langfristig bewirken wird. Einen Impuls in irgendeine Richtung wird er bedeuten, das werden die kommenden Monate noch zeigen.
Wir unterhalten uns noch eine Weile sehr nett, bis der Zug einfährt. Ich überlege, ob ich mich zu ihm setzte und die Unterhaltung während der Fahrt fortführe. Aber ich nutze die Fahrt doch lieber dazu, die Ereignisse der letzen Tage Revue passieren zu lassen und in Stichworten aufzuschreiben. So beschäftigt und in Gedanken bummele ich per RE erst nach Kiel, dann nach Hamburg.
Ab Elmshorn mischt sich dann kribbelige Ungewissheit mit Vorfreude. Mein Vater ist zur See gefahren und stand nach längerer Abwesenheit erst einmal eher im Weg rum, während die Restfamilie in Ihren Alltag fortfuhr. Seine „Resozialisierung“ hat immer eine Weile gedauert. Wie wird es mir ergehen? Was hat die Reise mit mir, den Kindern und Marc gemacht? Was bedeutet sie für meine Arbeit? Ich habe keine Ahnung!
Auf jeden Fall kann ich mir gerade nicht vorstellen, mich gleich durch die Katakomben des Hamburger Hauptbahnhofs zu bewegen. Zu viele Leute. Obwohl es erst 15:30 Uhr ist. Ich steige daher in Dammtor auf die S-Bahn um. Und auch diese Stückchen Fahrt ist irgendwie unwirklich. Diese Leute kommen vielleicht von der Arbeit und müssen da morgen wieder hin. Mich braucht das alles noch nicht zu interessieren. Ich schwebe in meiner Blase Bergedorf entgegen, wo ich auf den Bus umsteige. Am ZOB stehend klingelt das Telefon, es ist Marc, der wissen will, wo ich sei. Fast zu Hause und in wenigen Minuten in der Linie 235. Ich bin aufgeregt. Ob die drei mich gleich an der Haltestelle erwarten werden? Sie hätten Zeit genug, dorthin zu laufen. Allerdings nur, wenn die Kinder nicht gerade in irgendein Spiel vertieft sind…Sie sind nicht da, als der Bus hält, und ich stelle fest, daß ich kurz enttäuscht bin.
Aber dann mache ich es, wie ich es mir ausgemalt habe: ich gehe langsam die Straße runter, ein Fußweg von 10 Minuten. Und da kommen die drei mir entgegen.
Die Kinder sind verlegen, grinsen mich an, drücken mich ganz doll und sagen erst einmal nichts. Dann aber legen sie los und reden durcheinander. Marc hält sich mit seiner Begrüßung zunächst sehr zurück – was mich enttäuscht – aber tut es aus genau diesem Grund. Wir gehen gemeinsam das letzte Stück, die Kinder erzählen von ihren allerletzten Erlebnissen. Marc kommt weder so recht zu Wort geschweige denn an mich ran, immer kommen Kinderarme, -beine, -köpfe oder -mundwerke dazwischen. Es ist schön. Es ist schrecklich. Es ist schrecklich schön.

wo bin ich, meine Reisekarte