Zwischen den Welten

Tag 39, Dienstag 14.07.15

Nun bin ich also wieder da, obwohl ich noch nicht so richtig da bin.

Karen und ich haben gestern nicht mehr rechtzeitig die Kurve zum Minimarkt am Campingplatz Bockholmwik gekriegt, um Brötchen zu bestellen. Unser Brot ist alle. Aber bekanntlich schmeckt die Wurst in der Not auch ohne Unterlage. Die reicht meine Mutter in Form von Brötchen nach, und da wir ohnehin noch einmal lange geschlafen und dann mit Tee im sonnigen Cockpit gesessen haben, währt die Sorge um Grundnahrungsmittel nicht allzu lange.

Brotloses Teefrühstück mit Karen in Bockholmwik

Brotloses Teefrühstück mit Karen in Bockholmwik

Karen führt mir vor Augen, was für einen Luxus ich genossen habe und noch bis September werde genießen dürfen. Ich kenne sie und ihre Familie seit meinem 14. Lebensjahr über eine Brieffreundschaft, wir haben uns etliche Male hin- und her besucht. Morgentliches Ritual der Familie ist, daß jeder eine große, relativ schweigsame Tasse Tee genießt. Eine Komponente – übersetzt ins Koffein-Lager – ist das bereits zitierte „Vor dem ersten Kaffe Klappe halten“. Wobei in „meiner“ britischen Familie dies entweder sehr viel höflicher oder aber kurz und prägnant mit „shut up“ kommentiert würde. Aber noch viel mehr ist diese Tasse Tee Meditation und Einstimmung auf den Tag. Karen sitzt also und meditiert über ihren Tee in die Hafenrunde. Wir schweigen uns beide noch einmal angenehm auf deutsch und englisch an. Dann seufzt Sie und rechnet mir vor, daß sie morgen um diese Zeit längst bei der Arbeit sein wird, nachdem sie der Londoner Underground entstiegen ist, um sich von Fenchurch Street aus den Weg durch Menschenmassen zum Büro zu bahnen. Krass. Nicht meine aktuelle Lebenswelt. Es ist für mich gerade total unwirklich, daß ich bis eine Woche vor Reiseantritt wie blöd an der Fertigstellung eines Projektes incl. Nachtschichten zu Hause gearbeitet habe. Ich habe auch bis auf die Momente, in denen ich darauf angesprochen wurde, ganz aufrichtig nicht an meine Arbeit gedacht. Wie genial! Und ich brauche es bis September auch nicht. Und für die Zeit danach hoffe ich, daß sich diese große Gelassenheit möglichst lange hält…

Aber Karen kostet ihre kleine Flucht voll aus. An die brotlose Wurst hängen wir zu dritt noch ein Brötchenfrühstück an, danach besteigen wir das Auto meiner Mutter, um offen nach Langballigau zu fahren. Offen kommt mir entgegen. Ich bin 5 Wochen „offen“ gefahren. Nur die Geschwindigkeit ist etwas befremdlich. Im Durchschnitt war ich mit max. 4 Knoten unterwegs. Eher weniger. Da ist selbst 40 km/h auf den Feldwegen zwischen Siegum und Freienwillen schnell. Und dann erst 70 km/h auf dem Stückchen Landstraße bis „LA“!

Wir ergänzen das Frühstück um ein Eis und einen kleinen Spaziergang mit anschließendem Getränk beim Odinfischer. Ein Leierkastenmann (meine Mutter outet ihn später als einen ihrer Sportkollegen) schiebt langsam den IM-Jaich Steg hinunter. Er orgelt Abba, „Dancing Queen“, anschließend „I have a Dream“. Wir schunkeln mit und bekommen zu dritt den Text der ersten Strophe hin. Meine Mutter geht zu ihm, schmeißt einen Obolus in den Strumpf am Kasten und raunt ihm etwas zu. Daraufhin kommt er angefahren, bleibt bei uns stehen, spielt noch eine Abba-Ehrenrunde und kommentiert diese Darbietung mit: „Für eine besondere Frau“. Das zieht mir die Schuhe aus. Viele, die ich traf, betrachteten meine Reise oder mich als besonders. Ich empfinde mich eher als risikoscheuen Durchschnitt. Aber bei allem Kitsch passt der Song zufälligerweise ganz gut:

 

I have a dream, a song to sing

To help me trough with everything

I believe in angels, something good in everything I see

I believe in angels, when I know the time is right for me

I’ll cross the stream, I have a dream

 

I have a dream, a fantasy

To help me trough reality

And my destination makes it worth the while

Pushing trough the darkness still another mile…

 

Ich habe gut ein Jahr lang daran gewirkt, diese Auszeit möglich zu machen. Mein Arbeitger gewährte mir sogar die drei Monate von Juni bis September. Aber der wichtige Kern waren immer diese 5 Wochen segeln.  Streckenweise hat dieser Plan mich und mein Umfeld fast wahnsinnig gemacht und uns allen durchaus auch schlechte Laune und Sorgen bereitet. Aber irgendwie habe ich auch immer daran geglaubt, daß dieses kleine Wunder wahr wird, und ich Arbeit, Familie plus Auszeit unter einen Hut bringe. Will heißen für alle Beteiligten eine Lösung finde, mit der alle leben können. Es war also in etwa wie besungen. Man könnte sagen: wie besessen muß man sein, um ein Jahr Vorbereitung für fünf Wochen segeln zu investieren. Hat sich das gelohnt? Ja! So ist das, wenn man einen Traum hat. Anfangs schien er mir auch sehr abgehoben. Und nicht nur mir. Aber heute scheint mir die Reise wenn schon nicht selbstverständlich, dann doch logisch. Die Frage, ob ich es hätte machen sollen, hätte mich ewig gemartert – hätte ich es nicht gemacht.

Und wenn es jetzt künftig mal doof laufen sollte: ich habe hier meinen „song to sing“. Hier ist es, das unpfändbare Privatvermögen!

So beseelt schunkeln wir zurück zum Auto, denn Karen muß leider los, um in ihren Flieger von Billund nach London zu steigen. Später am Nachmittag sendet sie eine SMS, daß das Royale Buckingham-Wachwechsel-Orchesters ebenfalls auf dem Heimflug von Sønderborg sei und sie dankbar, daß Posaune und Tuba offensichtlich nicht als Handgepäck durchgegangen waren.

Ich habe noch einmal Hobo für mich alleine und streife auf seinen weitläufigen Decks umher, um final klar Schiff zu machen. Weit komme ich aber nicht, mein Nachbar legt an und begrüßt mich: „Wie wars?“ – ich hatte mich vor fünf Wochen bei ihm abgemeldet – und trägt mein Abenteuer einem weiteren Segelkollegen zu. Jeder für sich hat vermutlich mehr Segeljahre an Erfahrung als ich Lebensjahre zähle. Und da ist es noch einmal – „Mensch toll“ –  „Magst Du rüberkommen auf einen Schluck?“ Ich mag. Der Schluck ist ein passable bemessenes Glas mit leckerem Rum, alles deutlich vor vier Uhr. Ich kann nicht nein sagen. Ein dritter Kollege kommt dazu. Wir klönen eine ganze Weile sehr nett. Mein letzter „Sundowner“ macht mir etwas die Lampe an. Ich werde also in den kommenden Tagen im doppelten Sinne trockenfallen. Klar Schiff erfolgt danach eher als Katzenwäsche. Dafür ist mir ein weiterer, letzter, tiefzufriedener Abend Nichtstun-und-in-die-Gegend-gucken vergönnt. Ich halte mich an dieser Stimmung fest und versuche, sie bis ins Mark aufzusaugen – als schöne Erinnerung während der Trockenzeit.

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wo bin ich, meine Reisekarte

4 comments

  1. Hallo Svenja,
    ich bin in der aktuellen SEGELN über den Link zu Deinem Blog gefallen. Ich lese ihn quasi rückwärts, gestern fast die halbe Nacht. Mir gefällt Dein Schreibstil und Deine Gedanken. Schreibst mir in vielen Dingen aus dem Herzen. Vielleicht kreuzen sich mal unsere Kielwasser.
    Liebe Grüsse aus Glinde
    Olaf

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  2. Hallo Svenja,

    Gratulation zu den schönen Blogbeiträgen zu Deiner Reise durch die Dänische Südsee. Die letzten Tage habe ich alle gelesen und bin gedanklich mitgesegelt.

    Ich habe letztes Jahr mit dem Schwesterschiff, einer Friendship 26, einen ganz ähnlichen Törn gesegelt. Drei Wochen war ich Einhandseglerin, anfangs war eine Kollegin an Bord.

    Ganz genauso wie bei Dir hat mein Mann daheim den Nachwuchs gehütet und ich war einen Monat vom Arbeitgeber freigestellt.

    Die findest meine Beiträge im Archiv Juli 2015.

    https://kerstinundsyshadow.wordpress.com/2015/07/

    Dieses Jahr war ich wieder im Heimatrevier „Großer Brombachsee“ unterwegs. Immer im Kreis segeln, aber dafür auf eigenen Kiel.

    Gruß,
    Kerstin

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