Home Run

Tag 38, Montag 13.07.14

Das frühe Aufstehen vorgestern gepaart mit den gestrigen 33 sm und dem royalen Steakburger lassen und friedlich, tief und vor allem lange bis nach 10:00 Uhr schlafen. Das Wetter ist sonnig, es wehen lauschige 8 Knoten Wind aus Westsüdwest und es besteht kein Grund zur Eile. Die heutige Etappe ist mein Home Run. „Ungekreuzt“ ist das mit Hobo ein Haustörn von 2,5 bis 3 Stunde  Dauer. Heute geht es „gegenan“, was angesichts des milden Wetters eine zu dramatische Wortwahl scheint, aber wir werden eben länger brauchen.

Ich hatte mir diesen Schlag etwas nachdenklich und herzensschwer vorgestellt nach all den schönen Begebenheiten, die ich erlebt habe. Aber ich lege leichten Herzens ab und freue mich auf meinen Wahlheimathafen Bockholmwik und eine langsame Rückkehr zur Familie in Hamburg am Mittwoch. Und es ist schön, diesen Moment mit Karen teilen zu können und – eher still – gemeinsam den Erfolg der Tour zu feiern. In Gedanken bin ich aber auch bei einer guten Freundin, die kürzlich schlimme gesundheitliche Probleme bekam und, obgleich auf dem Wege der Besserung, noch länger mit den Folgen zu tun haben wird.

Dies führt mir zwei Dinge vor Augen: besondere Herzenswünsche umzusetzen und nicht zu lange zu vertagen. Sowie von Herzen dankbar zu sein, daß es mir möglich war, diese Reise zu tun!

Zur Krönung des Home Runs schaltet die Sonne den Kitsch-Turbo an

Zur Krönung des Home Runs schaltet die Sonne den Kitsch-Turbo an

Gegen 12:30 Uhr erst räumen wir das Feld und rutschen ungerefft und zunächst eher gemütlich gen Westen aus der Sønderborg Bugt hinaus. Das ist unsere Hausstrecke, Hobo kennt den Weg, wir sind hier schon etliche Male mit der Familie am Wochenende gesegelt. Karen ist an der Pinne, bis wir die Steilküste von Borreshoved mit der Osttonne passieren. Ich hatte ihr aufgetragen, nach der Tonne Ausschau zu halten, da wir recht nah unter der Küste um die Ecke kratzen wollen, und ich amüsiere mich köstlich über mich, weil ich auch heute – wie bisher wirklich jedes Mal – die Tonne erst ausmachen, als wir nahebei sind. Wir wissen, daß sie da ist und auch wo sie ist, finden sie aber immer erst ziemlich spät. Aber der Abstand zum Kardinalzeichen und Land stimmt, und bei der heutigen Windrichtung müssen wir zudem die an der Ecke folgende SB-Fahrwassertonne ohnehin auf der sicheren Seite lassen. Also alles im Lot auf dem Boot.

So beginnt unsere Kreuz zwischen den „Welten“. Dänemark und Deutschland. Hüben und drüben. Dänemark hat es mit einer tollen, spannenden Zeit sehr gut mit mir gemeint, Deutschland ist vertrautes Pflaster und die Orte an der Förde stehen für schöne Wochenendausflüge mit der Familie. Aber ohne die (An)Spannung und Erwartung, was einen da hinter der nächsten Ecke oder Hafeneinfahrt erwartet. Wie oft habe ich mich in Häfen reingetastet und – trotz hilfreichem Bild im Hafenhandbuch – die Luft tief eingesogen, wenn die Boxengasse kaum breiter war als Hobo (z.B. Rantzausminde, Ostteil) und eine taugliche Rückzugsstrategie her mußte. Oder mich gefreut, wenn dann auf einmal alles einfacher war, als es aussah. Oder aber sich hinter den Beschreibungen auf der Seekarte ein wunderbarer Küstenabschnitt oder ein spannendes Fahrwasser verbarg.

Der Törn hat dazu beigetragen, daß ich Spaß an der unabdingbaren „hölzernen“ Navigation gefunden habe – sicher noch auf bescheidenem Niveau, aber ich habe immer still gefeiert, wenn ich da rauskam, wo ich laut Vorplanung hinwollte und das bei Tageslicht schlecht ablesbare Tablet eher als Zweitmeinung hinzugezogen.

An den Landmarken von Neukirchen, Skeldevig, Westerholz, Langballigau, Brunsnæs und schließlich Holnis segeln wir heute hingegen navigatorisch unbeeindruckt vorbei – alles schon x-mal gesehen. (Aber trotzdem immer wieder schön – wer schon immer mal in der FL-Förde segeln wollte – ein landschaftlich wirklich schönes Revier mit zahlreiche  Häfen entlang der Küste. Prima Hafen-Hopping gerade mit kleinen Kindern, die nach 2-3 Stunden an Land wollen/müssen.) Der Kurs steht zwar der Gewohnheit folgend in der Karte, die wird heute aber nur sporadisch konsultiert.

Spaßig im wahrsten Sinne wird es noch einmal seitens des Windes. Graue Wolkenformationen wechseln mit blauem Himmel und Sonne und bringen lokale Windfelder mit gut 15 Knoten Wind. Der gestrigen Erkenntnis folgend tasten wir die volle Segelfläche nicht an und „rauschen“ ungerefft der Heimat entgegen. Wunderbares Spaßsegeln, Hobo läuft und läuft und läuft – gute Höhe wie auch fast 6 Knoten – das ist fast die Maximalgeschwindigkeit unseres kleinen Hüpfers. All unsere Schutzheiligen meinen es noch einmal gut mit uns und Karen u d ich jubeln uns zu! Ansonsten genießen wir eher still. Ich war gefragt worden, ob es nicht anstrengend würde, die Zeit mit Karen nur auf Englisch zu bestreiten. Aber das ist ok. Heute schweigen wir mehr als daß wir reden. Ich schweige auf Deutsch, Karen auf Englisch, beide in stillem Einvernehmen.

Bockholmwik ist erreicht und ich gönne uns noch einen Extranachschlag Richtung BB-Fahrwassertonne vor Holnis. Da ertönt Motorengeräusch – über unsere Köpfe hinweg landet das Wasserflugzeug aus Flensburg vor dem Hafen. Es dreht und übt anscheinend einige Starts und Landungen im Schutz der Bucht. Uns bleibt hier wirklich keine Attraktion vorenthalten. Nun will ich aber heim! Wir erlauben uns noch den „Spaß“, die von Lyngby Radio angekündigten Navigational Warnings auf Kanal 85 mitzuhören – sie sind ja nun nicht mehr relevant – aber Karen ist beeindruckt, was da alles „unli“ und „sunk“ ist. Dabei überlege ich, daß das Wasserflugzeug ja auch Seefunk mithören müsste und will es gerade mal ausprobieren – die stehen nämlich zwischen mir und einer erfolgreichen Heimkehr. Aber entweder wollen sie los, oder deuten meinen Kurs richtig und eheben sich dröhnend in die Luft, um mit einer Extraschleife gen Innenförde zu entschwinden.

Und dann ist es so weit. Hafenklar. Kreiseln in der Nähe des kleinen roten Hafenmeisterhäuschens jenseits der Schwimmole, alles wie auch bei jedem „normalen“ Tagestörn. Aber nach diesen 5 Wochen bin ich im Hafen langsamer unterwegs als vorher. An sich wird es fast eine Punktlandung. Aber dann doch einen Hauch zu langsam. Hobo steht bereits im 1. Drittel der Parklücke, Karen kommt aber auf den Schwimmsteg rüber und holt meinen fahrbaren Untersatz die letzen zwei Meter zu Fuß rein. Und dann sind wir fest. Wahnsinn. 5 Wochen einhand. Tolles segeln. Tolle Erlebnisse. Tolle Leute. Nix kaputt. Einzuge Kollateralschäden: ein fortgewehtes Relingpolster (2,50 EUR Rohrisolator Bauhaus) und ein abgetauchter Topfuntersetzer (ähnliche Preislage Ikea). Ich habs getan! Ich habs geschafft! Ich möchte die Welt umarmen! Jetzt! Karen muß als Stellvertretung herhalten.

Kurz nach unserer Ankunft macht auch Hafenmeister Niels seine Nachmittagsrunde. Er ist Däne aus der Gegend von Kopenhagen Er gratuliert, lauscht sehnsüchtig den Berichten aus seiner Heimat und dreht mir anschließend mein Schild wieder von grün auf rot. Ein symbolischer Akt. Ich bin wieder da.

Als wir Hobo klar machen, bleibt ein Seglerpaar aus dem Club stehen und spricht mich auf meine Hafenmarken an. „Ihr habt ja einen guten Törn hinter Euch!“ Ich berichte erneut von meinen fünf Wochen einhand, über die Gesichter huscht ein Verstehen, und die beiden meinen „Ach, dann bist Du Svens Schwester, er hat von Dir erzählt! Tolle Sache!“. Es sind Nachbarn meines Bruders, der sein Boot am Steg gegenüber liegen hat. Wir reden eine Weile. Die beiden wollen ebenfalls bald in die Südsee starten, und es fühlt sich für mich lustig an, hier Erkenntnissen zu einzelnen Häfen zu erteilen und von den einzelnen Etappen zu berichten. Die allermeisten hier haben lange Segeljahre auf dem Buckel. Ich bin „nur“ Quereinsteiger und Gastlieger mit einer Saison Segelerfahrung hier, aber die Story hat anscheinend die Runde gemacht. Ich habe das Gefühl, hier jetzt etwas anders wahrgenommen zu werden, wenngleich auch vorher immer ein netter Umgang herrschte.

Wie auch immer. Es ist toll hier zu sein. Räumlich und im Übertragenen Sinne. Nur schade, daß wir meinen Bruder leider recht knapp verpasst haben. Er war im Hafen, mußte aber zeitig weg.

Also feiern wir zu zweit: mit dänischen Ærø-Bier und Nudeln + Soße in Hobos Cockpit mit anschließendem Turbo-Kitsch Sonnenuntergang. Möge die Segel-Sonne für uns nie untergehen!

wo bin ich, meine Reisekarte