Pomp and Circumstance

Tag 37, Sonntag 12.07.15

Ich habe noch einmal Großes vor, nämlich den Sprung in die Dyvig, um am Montag über den Alssund nach Sønderborg und damit ins Heimatrevier Flensburger Förde zu segeln. Wir machen uns entsprechend früh startklar und kommen dabei ins Gespräch mit den zwei Holländerinnen, die gestern abend noch gegenüber festgemacht haben. Beide sind vielleicht Ende 50, mit der Friendship 26 der einen Seglerin unterwegs und ziemlich abgeklärt.

Ringreiterfestival in Sønderborg...

Ringreiterfestival in Sønderborg…

Die zweite Frau erzählt, daß auch sie ein eigenes Boot besitzt und in Holland recht viel einhand unterwegs ist. Die beiden sind wirklich cool und für sie ist es das Normalste der Welt, als reine Frauencrew bzw. einhand zu skippern. Da kann sich die deutsche Szene mal eine Scheibe von abschneiden! Ich habe während des Törns nur eine Einhänderin und keine Frauencrew gesehen, und bis auf zweimal (und eine davon war Holländerin) auch nur die klassische Rollenverteilung bei Hafenmanövern: immer „Sie“ Vorschiff, „Er“ Ruder. Wobei die Frauen, die ich sprach, sich den Rollenwechsel trotz vorhandener Scheine öfters nicht zutrauten – und die Männer einen Rollenwechsel durchaus begrüßt hätten. Also trauen. Ich mache mir auch manchmal mit meinen 22 Füßchen fast in die Hose und freue mich dann wie Bolle, wenn alles geklappt hat. Und ich habe keinen Mann getroffen, der nicht vor meiner Reise anerkennend den Hut gezogen hätte, darunter waren nicht nur Freizeitpiloten, sondern auch mehrere Nautiker und 70, 80-jährige, gestandene Segler („Mensch, super, die jungen Mädels stecken uns noch alle in die Tasche, mach‘ weiter so!“). Das gibt sowas von Aufwind!

Die Holländerin bestätigt auch, das der „Einser“- Wimpel des Flaggenalphabets, den ich am Achterstag fahre und den hier kaum jemand kennt, dort als Hinweis auf „Einhand-Betrieb“ bekannt ist und gefahren wird. Allerdings sei dies kein Dogma und der Wimpel auch in Holland mit dieser Bedeutung nicht übermäßig verbreitet. Ich bin etliche Male gefragt worden, warum ich ihn fahre. Ob ich einen Bezug zu Japan hätte? Weißer Wimpel mit rotem Punkt…Naja, ich habe in jugendlichem Leichtsinn mal 3 Semester Japanologie studiert, aber Japan wird nicht das Ziel meiner nächsten Segelreise werden. Oder ob ich einer Regatta davongesegelt sei? Verschiebung der Wettfahrt um eine Stunde, wenn die Eins unter dem Antwortwimpel AP gesetzt ist? Oh Mist, ich komme zu spät, die anderen sind schon weg 😊. Es wurde einmal das Standardwerk „Seemanschaft“ und die Signaltabelle gewälzt, das konnte ich aus dem Gespräch auf dem Nachbarboot mithören, bis der Ruf kam „Skipperin, was soll der Einser-Wimpel?“ Sofern bekannt, ist der Wimpel ein schönes Signal, daß da jemand kommt, der alles etwas langsamer macht und den man mal fragen kann, ob er/sie Hilfe will. Aber geholfen haben die Leute sowieso immer. Da meist unbekannt, war der Wimpel zumindest ein nettes Medium, um mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen.

Auch die Holländerinnen wollen in die Dyvig. Wir ziehen schonmal los. Ich bin etwas skeptisch, weil ich die Route basieren auf der Ansage Süd bis Südwest geplant und auf Südwind gepokert habe. Wir haben aber reinen Westwind. Es ist also absehbar, daß – wenn wir es überhaupt dorthin schaffen – es nicht in den angesagten 5 Stunden 30 Minuten klappt. Es geht erstmal ungerefft los, aber Hobo legt sich bald schwer auf die Backe, und Karen, die nicht zimperlich ist, sich aber erstmal eingrooven muß, nimmt die Ansage, das 1. Reff einzustecken dankbar auf. Damit ist aber Höhelaufen ungünstiger als ungerefft. Gefühlt kostet jedes Reff irgendwo zwischen 5 und 10 Grad an Höhe. Echt mies. Auch eine Erkenntnis dieser Reise: mich noch mehr mit Trimm und Technik zu befassen. Meist bin ich gemütlich vor dem Wind abgelaufen. Aber nun zum Schluss hin ist mein Ehrgeiz geweckt und die Wohlfühlgrenze auf der Beaufort-Skala verschiebt sich langsam weiter nach oben. Das wird meinem Mann sehr entgegen kommen. Vor der Reise hatte ich einmal sehr zu seinem Unmut rausgehauen, das mich sein „Gezappel und Gezupfe“ bezüglich Trimm nervt und ich nehme mir vor, daß zu revidieren und bei Gelegenheit mal an Hobos „gerefften“ Eigenschaften herumzuspielen.

Jedenfalls ist gerade so kein rechtes Fortkommen. Allein bis hinter den Leuchtturm Taksensand benötigen wir über ei2ne Stunde. Karen ist bestens gelaunt, aber mir macht das heimlich etwas schlechte Laune. Nachdem ich beide Richtungen noch einmal auf der Navi-App als auch der Karte angelehnt an aktuellen Wind, Höhelaufen und Distanzen gecheckt habe, treffe ich die schnelle und etwas einsame Entscheidung, umzudrehen und in die Flensburger Förde einzulaufen. Pest oder Cholera. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob das wirklich schlauer ist. Für Karen ist das ok – Hauptsache segeln – und ich bin ihr mit meinen leidlichen Segelerfahrungen immerhin etwas voraus – sie weiß ja noch nicht, daß uns an Pøls Rev um die Ecke rum evtl. doofe Wellen und danach die gleiche leidige Kreuzerei erwarten.

Aber erstmal rutschen wir entspannt an Mommark vorbei die Küste runter. Als gegen 13:00 die Seemarken von Lysabildsskov querab liegen, „packe ich aus“ und erzähle ihr, was vielleicht gleich kommt. Daß bedeutet: Beiliegen. „So, jetzt gehen alle nochmal auf Klo, und dann reiten wir los“. Ich nötige Karen von kurzer Hose/Fleece auf Ölzeug umzusteigen, stecke das zweite Reff ein, denn es pustet schon gut um die Ecke, verpasse uns nochmal Verpflegung im Cockpit und dann passieren wir die Landspitze jenseits des Riffs, etwa auf 6 Metern, zwei-drittel zwischen Land und der Osttonne.

Pøls Rev ist seit einem Mommark Törn letztes Jahr mein persönlicher Hassgegner. Da waren wir wie berichtet ziemlich blauäugig rangegangen und bei oberen 5 Windstärken unter Land direkt über 3 m Wassertiefe geholpert. Das hat Eindruck hinterlassen. Heute geben sich die Bedingungen trotz Reff recht entspannt. Das zweite Reff scheint mir berechtigt, es sind Böen von mehr als 15 Knoten unterwegs aber es steht eine kleine Welle, die uns auf 3,5 Knoten Fahrt ausbremst. Ich finde das nicht bedrohlich, nur nervig, traue mich aber trotzdem nicht auzureffen. Wir kommen noch ganz gut um die Ecke rum, danach beginnt dann aber das mühsame Gekreuze, was im 2. Reff noch ausichtsloser ist als im 1. Reff. So geht das wiederum eine Weile recht zäh. Schließlich lasse ich mit Blick auf die Ankunftszeit – Etappenziel Sønderborg – den Motor an. Die Fock geht runter, ich steuere sehr hoch am Wind, damit das Groß etwas mithelfen kann, zumal es genau gegenan ohnehin nur rappelt und schüttelt, da jede Welle uns ausbremst. Insgeheim rede ich meinem kleinen Viertakter gut zu, daß er nicht schlapp macht. Er läuft etwas 2/3 Last, alles darüber klingt sehr gequält und macht uns auch nicht schneller als die langsamen 3,5 bis 4 Knoten Fahrt. Tief durchatmen. Wieder Motorgedröhne für fast zwei Stunden. Aber Karen verfügt glücklicherweise über reichlich englischen Humor und Gelassenheit, und ich will als Gastgeberin keine schlechte Stimmung verbreiten. So schieben wir uns langsam aber beständig etwa auf der 10m Linie an Kegnæs Leuchtturm vorbei und haben nach einer gefühlten Ewigkeit den Leuchtturm Kalkgrund querab. Endlich! Danke Tohatsu, Du hast prima durchgehalten, aber nun wirst Du schweigen!

Wieder unter Segeln rutschen wir in einigen Kreuzschlägen in die Sønderborg Bugt, lassen zunächst das 2., dann auch das 1. Reff raus. Wir haben schon den Hafen vor Augen, als der Heilige Hartmut uns noch auf den letzten Kabellängen eine formvollendete Schüttung und 15 Knoten Wind verpasst. Aber das macht irgendwie nichts mehr. Im Gegenteil, daß wird ein geiler ungereffter Ritt, fern der Welle bei Pøls Rev, und ist wie die Offenbarung, daß Hobo das auch unter Vollzeug gut hinbekommt. Hobo kann das sowieso, ich bin diejenige, die ihn ausbremst…

Als wir gegen 19:00 Uhr nach 33 Seemeilen im Yachthafen von Sønderborg fest sind, machen wir mit Bärenhunger im Bauch schnell Hobo klar und begeben uns entlang der Promenade auf Nahrungssuche. Das Ziel ist im Prinzip klar: das Ox-En Steakhaus an der Brogade hinter dem Schloss. Wir wundern uns kurz über das gut ein Dutzend Gespanne mit offenen Pferdeanhängern, die auf dem Grünstreifen zwischen Wasser und Straße parken, als wir Richtung Schloßgarten spazieren. Dort angekommen bricht Pomp and Circumstance über uns herein.

Sie haben auf uns gewartet! An uns ziehen diverse Kapellen, u.a. die Militärkapellen Nottinghampshire Band of the Royal Engineers und die Band of Honourable Artillery Company in Uniformen a la Horseguards vorbei – letztere spielen auch schon mal beim Wachwechsel vor dem Buckingham Palace. Selbstredend aber auch für britische Staatsbürger in der dänischen Diaspora. Tatsächlich ist das ganze Spektakel Teil des an diesem Wochenende in der Stadt stattfindenden Ringreiterfestivals. Wir vergessen für eine Weile unseren Hunger und bestaunen den Umzug. Den Orchestern aus England, Holland (mit Dudelsäcken vertreten), Norwegen und Dänemark folgen die Reiter des Festivals auf ihren herausgeputzen Pferden. Vom 6-jährigen Kind bis zum Senior – die Parade scheint nicht zu enden und mündet in einer Siegerehrung auf dem Schloßhof. Bei uns meldet sich der Magen wieder, eine Lücke im Reiterstrom nutzend huschen wir über die Straße und machen uns im Ox-En schließlich über zwei gigantische Steakburger und eine Karaffe Chardonnay her. Das Mal beschert uns die richtige Bettschwere – wir freuen uns, mit einsetzender Dunkelheit zum Yachthafen zurückzukehren und umgehend an unseren Matratzen zu horchen.

wo bin ich, meine Reisekarte