Very British

Tag 36, Samstag 11.07.15

Heute will ich Karen treffen, die von London nach Billund einfliegt und netterweise von meiner Mutter auf Zuruf irgendwo an die Küste gebracht wird. Irgendwo ist nach aktueller Windlage Fynshav, was für mich einen frühen Pyjamastart bedeutet, denn der Weg ist etwas weiter, der Wind weht aus der Richtung, in die ich will und wird im Übrigen im Verlauf des Vormittags einschlafen. Rasmus ist müde beziehungsweise: er treibt wieder seinen Schabernack. Oder mit Bernis Worten: „Wer Zeit hat, hat den richtigen Wind“. Im Prinzip habe ich Zeit, denn die beiden warten auf mich. Was bleibt ihnen auch sonst über. Zur Not könnte ich auch immer noch Søby anlaufen, und Karen käme mit der Fähre rüber. Karen ist da very british tiefenentspannt. Aber mein Søby-Pensum ist voll, ich möchte gerne Richtung Alsen zurück.

Auch very british - die MS Amadea hat einen Golfplatz

Auch very british – die MS Amadea hat einen Golfplatz

Also heißt das für mich: Weckerklingeln um 05:30, sich diesem widersetzen bis 05:55, Katzenwäsche, Tee, Müsli, seeklar machen, Ölteug über das Negligee streifen, Rollkragenbikini und Fellflipflops bereitlegen und los. Die Navigation und Verpflegung habe ich schon am Vorabend vorbereitet. Vor allem will ich dem allgemeinen Exodus bevorkommen, denn alle waren eingeweht und die ersten Crews scharren mit den Hufen. Im Ablegen, wieder am Heckdalben, meldet sich mein Einhandkollege zu Wort, sein timing für Gespräche ist nicht ganz optimal. Zwischenzeitlich habe ich ihn gar nicht mehr gesehen – jetzt schon los und wo es den hingeht? Fynshav, das ist aber gegenan und daher ungünstig…! Ja, das ist mir noch gar nicht aufgefallen…aber zur Ehrenrettung: er hat vermutlich nur gute Absichten und die Kommunikation scheitert am unpassenden Zeitpunkt.

In meine Fender-und-Leinen-Reinhol-Runde vor dem Hafen hinein beginnt die Rush-Hour. Sechs Yachten verlassen die Marina, aus dem Verkehrshafen kommt der Qualle-Nachbar und die Fähre angefahren und in der Ansteuereung liegt das Kreuzfahrtschiff Amadea, das gerade Passagiere mit drei Fahrzeugen ausbootet, die uns entgegen kommen. Für Südseeverhältnisse also dichter Verkehr. Ich muß ohnehin gegenan und verbinde die motorgetriebene Umschiffung von Uredhøved mit einer Stippvisite unter dem Bug der MS Amadea entlang. Die haben Golfplatz, Jacuzzi, Wellnesstempel, Captains Dinner…habe oder hatte ich auch schon alles!

Nach der Besichtigung schweigt der Motor und ich lasse Groß und Genua machen, wobei die beiden bei gerade einmal 4 Knoten Wind eben nicht viel machen. Von daher ist die Kreuz-Bilanz nach einer Stunde ziemlich mies, so daß ich schweren Herzens den Motor wieder anstelle und unter der Küste Kurs auf Skjoldnæs nehme.

Das Motorgedröhne vergreibt auch noch die Sonne, da hilft es wenig, das Søby gefühlt und erfreulicherweise recht bald näher kommt. Meine Stimmung ist zwischenzeitlich im Keller, das ist ein ganz mieser Abschied von der Südsee. Vor meinem inneren Auge hatte ich triumphierend bei strahlender Sonne und schönem 10 Knoten Segelwind die Nordspitze Ærøs runden wollen. Nun knattere ich nachdem ich Søby querab gelassen habe bei diesiegem Wetter und Flaute um die Ecke, immerhin ziemlich nahe unter Land mit Blick auf die echten Golfspieler. Einziger Stimmungsaufheller ist der lästerliche Spruch „Haben sie noch Sex oder spielen Sie schon Golf“, der mir hier in den Sinn kommt. Ich kenne segelnde Golfspieler. Oder golfspielende Segler. Die vermitteln den Eindruck, noch Sex zu haben…

Um die Ecke rum. Aus Protest mache ich den Motor aus und lasse mich treiben. Nicht einmal das geht: 0 ten und noch etwas segeln köKnoten Fahrt lautet das nüchterne Urteil meines Nexus. Meine Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Was für ein doofer Ausstieg aus dem Einhand-Dasein. Immerhin stimmt der Zeitplan einigermaßen, Karen ist um 10:00 in Billund gelandet, jetzt ist es erst kurz nach 11:00 Uhr, so daß die beiden nicht allzu lange auf mich werden warten müssen. Bei Nordwest hätte ich die beiden nach Mommark umleiten und noch etwas segeln können…aber nun steht der Wind auf Südwest. Moment, Südwest? Ja, und es erscheinen kleine Katzenpfoten auf der Wasseroberfläche! Schließlich ist genug Wind für 3 Knoten Bootsgeschwindigkeit und ein Stück geruhsames Segeln und die Plätscherstille, die ich so liebe. Danke Rasmus, Du alte Gurke. Oder lieber Heiliger Hartmut! Karen hatte von unterwegs noch eine SMS geschickt – „Let’s see what holy Hartmut got in store for us!“

Am Ende laufe ich gegen 13:15 Uhr in Fynshav ein, wo mich Mama und Karen auf der Fährmole sitzend und winkend erwarten. Ich finde eine passende Parklücke und feiere erst einmal die Ankunft und meinem Törn mit Sekt plus Holunderblütensirup von Strynø. Also mit Strygo. Anschließend, da wir alle müde vom frühen Aufstehen und bärenhungrig sind, suchen wir die vermutlich einzige Gastronomie in unmittelbarer Nähe des Hafens auf. UNO PIZZA am Einkaufszentrum. Der Imbiss bietet sehr einfachen Charme, aber die kleine Pizza Frutti di Mare übertrifft unsere Erwartungen an Größe und Geschmack bei weitem und ist wirklich lecker! Mama setzt uns anschließend am Hafen ab und verabschiedet sich bis Dienstag, außerdem meldet sich die Sonne zurück. So findet dieser Tag seinen äußerst versöhnlichen Abschluss in der Sonne, auf einer Picknickdecke am benachbarten Strand bei einigen Glas Rotwein und leckeren Kleinigkeiten. Nebenan sitzen die alten Männer von Fynshav am Clubhaus und schauen schweigend auf den Hafen. Wir schauen redend aufs Meer. Und jedem geht es so auf seine Weise gut.

wo bin ich, meine Reisekarte