Prosecco-Anker

Tag 23, Sonntag 28.06.15

In der Tat haben sich Rasmus und Petrus über Nacht ausgetobt und liegen noch in ihren Kojen, als wir selbige am Sonntag verlassen. Der Spuk von gestern ist vergessen, Hobo hatte uns in den Schlaf gebockt und liegt nun ganz friedlich am Steg. Der Nachbar auch. Also, nicht der Nachbar (ich habe ihn nicht niedergestreckt), aber sein Boot.

Leichter Wind, strahlender Sonnenschein, tiefblaues Meer und der am Vortag vermisste klare Blick auf die leuchtend grünen Inselbänder jenseits des Wassers – Wiebke bekommt doch noch die gebuchten all-inclusive Leistungen. Der Blick ist sogar so klar, daß wir mit bloßem Auge die Glazialmorphologie (Morfowas?…naja, Eiszeitlandschaft eben…) des Inselmeeres bis Rudkøping studieren können und ich ihr am „lebenden“ Objekt zeigen kann, welchen Weg ich bisher genommen habe. 

Das Wasser hat angenehme Badetemperatur...

Das Wasser hat angenehme Badetemperatur…

Nach Frühstück im Boot und einer Runde durch den Ort satteln wir Hobo und machen einen auf Damen-Sonntagssegeln: raus aus dem kurzen Fahrwasser vor Ærøskøping, Segel hoch, die Kurve halb herum um Derjø gekratzt – dem Inselchen an Steuerbord, Anker fallen lassen, Groß backhalten, Anker hält, Segel runter. Wieder sabbeln. Sonnenbaden. Baden! Naja, sagen wir mal: ich war drin…immer noch saukalt. Aber so konnte ich endlich unter qualifizierter Badeaaufsicht meine Selbstbau-Strickleiter testen und für gut befinden.  Ob Wiebke mich gerettet hätte? Sicher war die diesbezügliche Rollenverteilung so herum besser als anders herum. Aber das ist eine andere Geschichte 😉!

Als leiternde Angestellte habe ich die Steighilfe nach folgenden Kriterien gebaut: sie muß leicht sein, am Boot bleiben können und soll vom Wasser aus zu lösen sein. Diese Punkte sind erfüllt, wenngleich die Betonung auf BADEleiter liegt. Die Vorstellung, in Ölzeug und Panik das Teil besteigen zu müssen, ist wenig verlockend. Aber in der Not mag dies besser als nichts sein.

Also, ich bin wieder oben und in ein Handtuch gewickelt. Weiter mit Sonnenbaden. Wären wir so 30 Jahre älter, hießen Inge und Helmut und hätten ein 35 Fuß Boot, wäre dies jetzt Kaffeeankern mit allen Annehmlichkeiten. Aber wir sind zwei Mädels und machen mit einfachen Bordmitteln und Kuchen von gestern ein kleines Prosecco-Restetrinken. Zwei Jungs würden vermutlich ein Bierchen zischen, um im Klischee zu bleiben. Mehr als ein Resteschlückchen für jede ist eh‘ nicht mehr drin in der Flasche, die Fahrtauglichkeit bleibt somit erhalten und mein kleiner 9 kg Prosecco-Anker hält uns für zwei gemütliche Stunden an Ort und Stelle.

Der Nachmittag verfliegt nur zu schnell. Groß ist die Verlockung, sich weiter sanft im grünblauen Nass wiegen zu lassen. Doch für Wiebke fährt um 17:10 die Fähre nach Fynshav – das bedeutet gegen 15 Uhr das Ende unserer Sonntagspartie. Nebenbei ist Rasmus wach geworden, der lag bis zu diesem Zeitpunkt wohl noch in sauer. Er beginnt wieder zu pusten, Hobo am Prosecco-Anker zu schütteln und mahnt uns zum baldigen Aufbruch. Daher fällt das „Ankerauf“ nicht mehr ganz so schwer, abgesehen davon, daß Wiebke die Ankerleine als Kür noch von Feuerquallen-Tentakeln befreien muss.

Zurück im Hafen von Ærøskøping hätten wir nun die gesamte Boxengasse an Steuerbord für uns. Ganz ohne Nachbarschaftsstreit. Doch ich gehe nach Backbord an die Außenmole. Das bedeutet zwar einen Tagesmarsch zum Servicehäuschen, aber eben auch ein schwimmendes Zimmer mit Aussicht. Wunderbar, mein Zimmerchen ist sogar teilmöbliert mit einem Kleiderschrank! In der Nachbarbox liegt die LM22, für die ich in Faaborg gehalten wurde. Das Möbelchen hat schon bessere Tage gesehen, Baum und Segel fehlen, die Gute war diese Saison noch nicht in der Maske – den Wasserpass, Motorschaft und die Heckleinen ziert ein langer grüner Damenbart. Im Vergleich gibt sich Hobo etwas ranker und eckiger, aber ohne Referenz kann ich nachvollziehen, daß ich in den Bereich Raumausstattung gesteckt wurde.

Wiederum einige Boxen weiter findet sich noch ein Böötchen von trauriger Gestalt. Das Segel hängt in Fetzen, das Deck ist versparkt und voller Mövendreck. Ungesegelte Boote wirken so hilflos. Da möchte ich am liebsten hingehen, es streicheln und trösten!

Doch die Gästelogistik lässt keine Sentimentalitäten zu! Wir packen zusammen – Wiebke ist mein Kurier für ein paar kleine Geschenke und Liebesgrüße von Ærø an die Daheimgebliebenen. Besiegelt wird das Wochenende noch mit einem Eis (next door to the Bushaltestellenhäuschen). Einmal mit Guf und alles und süß. Karies und Baktus quietschen ekstatisch, ich habe es genau gehört!

Unter Zuckerschock stehend besteigen wir den kostenlosen Inselbus nach Søby, der nach Fähre getaktet um 3 Minuten nach 5 seine Fracht eben dort an der Mole entlädt. Unsere Schockstarre hat sich dank des belebenden Fahrstils des Busfahrers gelöst, woraufhin Wiebke das Wort „ærødynamisch“ kreiert. Mit den Inselbussen ist es vielleicht wie mit den Inselfähren. Es ist ganz gut, zu wissen, wann die durchkommen, um dann mal schnell zur Seite zu springen.

Wiebke löst das Dilemma mit einem schnellen Sprung auf die Fähre, ich bleibe am Bus, winke ihr nach und lege mein Schicksal erneut in die Hände des Busfahrers. Geschwindigkeit ist gleich Masse mal Beschleunigung. Aber vielleicht erscheint mir gerade alles schnell, wass die 4 Knoten übersteigt…also quasi alles jenseits normalen Gehens.

Wieder allein. Das ist nun doch sonderbar und ein wenig schmerzhaft. Kurz komme ich mir vor wie Falschgeld. Aber der Abend meint es gut mit mir. Es ist lau, ich setze mich ins Cockpit und koche mir etwas schönes, genehmige mir ein Ærøbier, schalte leise entspannte Musik auf die Außenlautsprecher (Marc, danke, danke, danke! McGyver lebt!) und genieße still die abendliche Aussicht und Akustik des Hafens.

wo bin ich, meine Reisekarte