Nie wieder Calais – Immer wieder Drejø

Tag 27, Donnerstag 02.07.15

Mache einen Plan und ändere Ihn. Für heute hatte ich den Sprung nach Avernakø geplant. Schon morgens pustet es mit gut 15 Knoten aus Südost bei strahlendem Himmel und sehr sommerlichen Temperaturen. Marc berichtet als Systemadministrator übereinstimmend mit dem DMI-Aushang am Hafen – hier ist nur das Kauf-Ønet zu haben – daß der Wind heute konstant mit 8m/s wehen soll. Der Blick aus dem Niedergang offenbart Schaumkronen auf dem Wasser, der Blick auf den Nexus 14 Knoten Windgeschwindigkeit. Also sind sich Herr Beaufort, der Däne, Mr. Nexus, mein Mann und ich bezüglich der Lageschätzung einig. Bei so viel Harmonie kann das ja nur ein guter Tag werden. 

Das Cafe in der Ortsmitte lädt zum Verweilen ein

Das Cafe in der Ortsmitte lädt zum Verweilen ein

Jedenfalls wird es ein Tag im Hafen. Leichten Herzens, denn ich habe noch Lust auf Insel, Gamle Havn und den Norden der Insel. Jörg schläft noch und erscheint erst außerhalb seiner Kuchenbude, als Maske und Frühstück bereits hinter mir liegen.

200 Meter vom Hafen steht an der Straße ein einzelstehendes Haus, das einen Honigstand und Fahrradverleih am Weg aufgebaut hat. Für 40 Kronen am Tag in die Kasse des Vertrauens nehme ich mir ein kleines blaues Rad. Es ist kein Klapprad, hat aber die Geometrie dieser wunderbaren, schrulligen Räder aus meiner Kindheit, auf denen Erwachsene immer mit O-Beinen gefahren sind. Wir hatten damals zwei orange Exemplare mit 2 Gängen, die sich im Rücktritt schalten ließen. Irgendwann ist mein Vater sehr zu unserer kindlichen Freude damit beschwippst gegen eine Straßenlaterne gefahren. Rad und Reiter haben unbeschadet überlebt. Ist jetzt despektierlich? Also, ich trinke ja nur Tee. Alkohol an Bord?!? Nur wenn es sein muß…z.B. zur Desinfektion, für Rasmus, zur Verkostung einheimischer Biere. Alles Notfälle. Nur daß ich jegliches Schwanken locker auf meinen schwimmenden Untersatz schieben kann.

Ich habe also das vertrauenswürdigste und für meine Größe am wenigsten O-Bein-lastige Rad gewählt und düse los, erstmal zum Gamle Havn. Der Weg geht vorbei an Wiesen und kleinen reetgedeckten Anwesen, in bester Inselmanier mit hübschen, verwunschenen Bauerngärten, in denen Stockrosen und Lavendel blühen. Die Straße ist immer wieder gesäumt von Büschen und Bäumen, die angenehmen Schatten spenden und biegt irgendwann nach rechts ab, wo sie in den alten Hafen mündet. Ich habe kein anderes Wort für diesen Flecken als „bezaubernd“. Der kleine Hafen liegt im halbrund im Schutz einiger Bäume nach Norden, bei der herrschenden Windrichtung still und ruhig. Die Fahrrinne ist schmal und neigt zur Versandung, ein Segler berichtet von Zeiten, in denen 90 cm Tiefgang zu viel waren, aber es wurde wohl unlängst ausgetieft, einer ist mit 1.20 m Tiefgang ohne Probleme reingekommen. Jedenfalls ragen links und rechts der Rinne die Sandbänke aus dem Wasser. Hobo wäre mal eines der größten Boote, und bei der aktuellen Belegung müsste ich am ersten Heckdalben neben der Zufahrt festmachen und das Boot per Hand verholen, so eng ist es gerade. Aber der Ort ist tiefenentspannt. Einige Motorbootfahrer haben ein Zelt aufgeschlagen und lagern auf der Rasenfläche, die vormal der Netzplatz der Fischer war. Ich sitze eine ganze Weile einfach nur auf dem Steg und schaue auf die stille Szene. Wieder so ein wunderbarer Moment.

Nachdem ich mich hier losreißen konnte, fahre ich weiter entlang der einen Inselhauptstraße bis Skovens Vig, der schmalsten Stelle der Insel. Südlich ragt eine kleine Mole ins Wasser, an der zwischen Dünengras und Steinen roter Mohn blüht. Im Norden ersteckt sich die Mejlhoveds Odde, ein flache Landzunge, die als Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist. Ein kleiner Weg führt durch das Gras rechts der Straße bis an ein Gatter, dahinter weiden Schafe. Durch ein Törchen kann man noch ein Stück Richtung Odde gehen, dann weist ein Schild auf die Brutzeiten hin, also kehre ich unter den neugiereigen Augen der wolligen Vierbeiner um, die sich sammeln und mir in gewissem Abstand neugierig folgen. Wenn mir mal die berufliche Perspektive fehlen sollte, werde ich Schafflüsterer auf Drejø…

Hier steht der Wind direkt in die Bucht. Flachwasserheizen. Das sind locker 6 Windstärken. Es kommt kurze Sehnsucht nach den Surfzeiten auf. Solche Windtage waren Festtage, gekoppelt mit Sonne und warmen Temperaturen. Bei diesem Wind waren morgens Frühstück und Unterhaltung kurz: Kurzarmanzug, kleines Brett, 4.3er Segel und ab aufs Wasser. Mit Hobo höre ich bei Windstärken auf, bei denen wir surftechnisch angefangen haben. Aber alles hat seine Zeit!

Weiter geht es am Inselwäldchen vorbei. Der ist sogar ausgeschildert. Laut Plan soll es dort eine Steinsetzung geben, aber ich finde den Zugang nicht und lasse diesen Programmpunkt aus. Die Klippe am westlichen Inselende ist nicht mehr weit. Einem Grasweg folgend steht man unvermittelt vor einer Sperre an der Kante. Was für ein grandioser Blick. Wir haben ganz klare Sicht, alle Farben leuchten. Knallgelb leuchten die Streifen der West-Gefahrentonne am Skarsand herüber, Schaumkronen auf dem Wasser, ein Segelboot passiert das Seezeichen sehr zügig. Hier oben sind das mehr als die 14 Knoten von heute Morgen. Marc hat angerufen, also telefonieren wir, während ich auf der Klippe hinter einer Brombeerhecke sitze. In Hamburg waren es morgens um 7 Uhr 33° Grad. Familie aus Gelsenkirchen wollte kommen, ist aber dank defekter Klimaanlagen im ICE bereits in Essen gestandet und wieder umgekehrt. Hier ist es auch sehr warm, aber dank des Windes gut auszuhalten.

Den Rückweg zum Hafen versüße ich mir mit Tee und hausgemachtem Kuchen im hübschen Cafe/Museum im Ort. Auch hier wieder Reetdach-Charme und schöne Sitzgelegenheiten an weißen Holztischen mit rot-weiß karierten Decken. Überall blüht es, einen Straßenzug weiter, nahe des Kaufmanns ist ein Haus förmlich von Rosen eingewachsen, die in allen Farben leuchten und intensiv duften. Der Kaufmann hat noch das Nötigste – Grillwürstchen und Salat für den Abend. So ausgestattet radle ich zurück zum Hafen.

Es begrüßt mich sehr frischer Gegenwind. Der Eindruck auf der Klippe hat nicht getäuscht. Es hat weiter aufgefrischt. Mit Passieren des Servicegebäude am Hafen kann ich die Masten sehen. Die von Mumi und Hobo schwanken gewaltig. Es wirkt von hier aus so, als könnten sich die Riggs verhaken. Das macht mich etwas kribbelig. Jörg ist nicht am Boot. Vor Ort ist es halb so schlimm, aber die Riggs stehen auf gleicher Höhe, wobei das des Folkeboots recht schlank ist und kurze Salinge hat. Aber wir hängen etwas auf halb acht an unserem einen Heckdalben. Meine erste Amtshandlung ist also, in den Badeanzug zu springen. Ich schnappe mir eine lange Leine und rekrutiere einen dänischen Großvater, der mit seinen Enkeln gerade am Steg Krebse angelt, um jemanden zu haben, der mich bei meiner Schwimmeinlage im Auge behält. Viele hohe Schiffsrümpfe aus Badeperspektive haben etwas respekteinflößendes. Er erklärt sich lachend bereit, mich im Notfall durch Hinterherspringen zu retten. Schwimmend lege ich eine zweite Heckleine in Luv – jetzt gerade kommt Jörg zurück und befindet das für gut. Und ich scheine voll im Trend zu liegen mit der Aktion, denn auch eine zweite Crew schwimmt gerade mit Leinen bewaffnet durch den Hafen.

Danach kehrt Ruhe ein – bei einem erneuten Kaffee in Mumis Cockpit. Der weitere Nachmittag verstreicht faul im eigenen Boot. Abends legt ein weiterer Einhandsegler mit einer Beneteau First 21 an. Ich mache Jörg auf ihn aufmerksam und rege ein gemeinsames Kleinkreuzer-Einhandgrillen an. Jörg peilt die Lage und erhält eine Zusage. Es wird ein netter Abend, jeder schmeißt seine Reste auf den Tisch bei den typischen Themen rund um Boote, mitsegelnde Familie, woher und wohin – da bin ich jetzt also Teil der Einhandszene mit meinen eigenen Erfahrungen. Er berichtet von einem Buch des Seglers Frank Schmidt: „Nie wieder Calais, immer wieder Drejø“ über die Überführungs seines Bootes von dort und Törns, die ihn schließlich nach Drejø führen. Da gehe ich mit – Calais kenne ich nur als Durchgangsort von Fährpassagen, und Drejø ist das krasse, gemütliche Gegenteil. Drejø lädt zum Verweilen ein. Bei einem anschließenden Spaziergang zum Gamle Havn geht ein großer runder Mond über uns dreien auf. Kitsch as Kitsch can. Die Krönung eines relaxten Hafentages.

 

wo bin ich, meine Reisekarte