Meine ungeFÄHRE Position

Tag 21, Freitag 26.06.15

…richtet sich anscheinend nach dem Fahrplan der Inselfähren. Will heißen: wo ich bin, kann die „Großschiffahrt“ nicht weit sein!
So auch heute: auf Birkholm und im direkt vor der Insel befindlichen Fahrwasser nördlich von Marstal und Ærøskøping bin ich vor den Teilen sicher. Wahrscheinlich trödele ich deswegen intuitiv auf dem kleinen Eiland herum, bis der Hafen gegen Mittag fast leer ist. Landseitig umgefahren zu werden, ist ebenfalls unwahrscheinlich.

Da ist sie schon wieder, meine Lieblingsfähre...

Da ist sie schon wieder, meine Lieblingsfähre…

Da gibt es ein Quad mit Anhänger und einen blauen Trecker, gefahren von dem Bruderpaar, das Hafenmeister, Fischer und Inselpostbote in Personalunion ist. Ich begegne beiden in Ausübung dieser Tätigkeiten mehrmals, kann sie aber nicht recht auseinander halten. Beide groß, Blaumann, Wollmütze als Deckel, sympathisch aber nordisch wortkarg. An sich registriere ich erst, daß sie zu zweit sind, als die beiden gemeinsam eine neue Inselwaschmaschine vom Postboot abholen.
Ich hingegen habe meine gestern noch in Ristinge handgespülte Wäsche zu Ende getrocknet, schön in der Sonne gefrühstückt, am Sandstrand gesessen und auch gebadet. Der Ehre halber. Was nicht tötet, härtet ab. Aber der Strand dort ist einfach zu verlockend, um ihn nur von der Landseite zu genießen! Zudem erspart es den 300m Weg zur „Birkholm Bruse“ – der einen Inseldusche. Und es war St. Hans, ab jetzt ist Sommer befohlen!

Nachdem ich all diese schweren Herausforderungen gemeistert und noch einige Karten dem Postboot übergeben habe, geht es hinaus auf das brüllende Meer (3 bis gar kein Knoten Wind aus Nord-Südlichen Richtungen). Auf die Gefahr hin, daß ich mich wiederhole, aber es gibt doch noch feinere Abstufungen als 0 und 20 Knoten Wind. Ist Rasmus bei Verdi organisiert und seit drei Wochen im Ausstand?
Also dümpele ich Søby entgegen. Zunächst mit 3 Knoten Wind, was Hobo unter Groß und Genua immerhin in 2 Knoten Fahrt umsetzt, dann aber mit abnehmender Geschwindigkeit, denn auch dieser Hauch schläft ein.

ZUFÄLLIG, ABER AUCH NUR ZUFÄLLIG (Streich von Rasmus?!?) genau in der Verlängerung des Fahrwassers Skarø-Drejø-Ærøskøping. Und prompt schallt da dieses unverkennbare Geräusch über das Wasser. Gerade bei wenig Wind hört man es, bevor man überhaupt das Schiff sieht.

WUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmo…

Ein tiefes Wummern gepaart mit einem etwas höheren Rauschen.
Mittlerweile kenne ich die Routen und einige Fahrpläne. Ja, der Blick auf die Uhr sagt mir, daß das die Fähre von Ærø kommend ist. Und da ist sie ja auch schon! Und sie begegnet ungefähr vor Drejø der Fähre aus Svendborg. Ich könnte ja mal nachsehen, wo die so bleibt.

WUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmoWUmmo…

Ja, ok, natürlich bin ich genau da, wo die beiden langwollen und sich zudem begegnen werden. Also gebe ich einal mehr meinen 5 Pferden die Sporen und mache mich davon.
Liebe Leser, nicht dass ihr denkt, ich würde hier ständig fast von Fähren umgefahren. Dem ist nicht so, man sieht die schon rechtzeitig. Ich finde es nur denkwürdig, daß hier so viel Platz ist und ich dennoch immer wieder (ausserhalb der betonnten Fahrwasser – die sind eng) GENAU dort bin, wo so ein Ding durchmaschiert.
Oder hat es sich bei den Kapitänen bereits rumgesprochen, dass ich unterwegs bin und alle kommen mal gucken…?
Ich lasse die beiden also in sicherer Entfernung passieren, und eine Weile später läuft die lange Dünung des zweifachen Heckwassers unter mir durch und schüttelt minutenlang mein windloses Rigg …
Ich bleibe bis Søby unter Motor, nehme die Segel weg und mache unterwegs nach und nach hafenklar, denn mit Windkraft wird das heute nichts mehr. Da liegt in der Ansteuerung von Søby noch so ein Klotz. Ich lausche. Keine Motorengeräusche, doch das Fernglas offenbart ein schleppergebundenes, viergeschossiges Reihenhaus, so wie es bei meiner Abfahrt von Søby vor zwei Wochen in der Hafeneinfahrt erschien. Na, erstmal näher ran. Blick durchs Glas. Aber auch von „näher“ kann ich es nicht deuten: macht es nun Fahrt oder nicht? So eine Konstruktion ist ja kein Schnellboot. Das Gespann steht jedenfalls unmittelbar vor dem Hafen. Ich auch fast. Stehende Peilung oder nicht?
An sich habe keinen Bedarf, dem Ding noch näher zu kommen, sollte es sich bewegen. Also rufe ich den Verband auf Kanal 16 an. Schweigen. Gut, also wieder näher ran und im Zweifel hinten vorbei. Da erst erkenne ich bei einem dritten Blick durch die Guckhilfe mit der sich verschiebender Perspektive die Ankerketten und entdecke den gefühlt winzigen Ankerball. Ja, klar daß die nicht antworten, die sind vermutlich gerade damit beschäftigt, über schissige Freizeitsegler zu lästern. Aber das Ankerbällchen haben sie vielleicht trotzdem in der Bauhaus Nautic Abteilung besorgt…

Somit kann ich entspannt vor der schwimmenden Wand durchfahren und mache wieder auf meinem Logenplatz in Søby fest. Diesmal No. 39, der wirklich allererste Platz neben der Fährmole. Wiebke wird mich nicht verfehlen!
Tut Sie auch nicht, schon im Einlaufen konnte Sie mich orten und ich kann im Cockpit sitzen bleiben, bis die 19:40 Uhr Fähre eingeparkt hat.
Wiebke sieht Hobo überhaupt zum ersten Mal, und ich hatte Bedenken, daß sie ob der Größe (der nicht vorhandenen Größe) aus allen Wolken fallen würde. Aber sie hat sich das Boot eher noch kleiner vorgestellt und ist ganz angetan, was mich natürlich freut.
Da mein ambitionierter Plan, noch etwas zu segeln ohnehin an den flauen Winden scheitert, machen wir eine Begehung aller Decks – Dauer ca. 5 Minuten – und gehen nahtlos zum gemütlichen Teil des Abends über. Essen. Sabbeln. Mehr essen. Mehr sabbeln. Anschließend noch ein Spaziergang und Sundowner im Regenplanenüberspannten Cockpit. Noch mehr sabbeln…
Wiebke bringt Nachricht vom weltlichen Geschehen im Allgemeinen und Speziellen zu Hause in Hamburg. Ich merke, wie angenehm weit weg ich von allem gedanklich bin. Ich habe zum Beispiel seit meiner Abfahrt nicht an meine Arbeit und meine „Anschlussverwendung“ gedacht. Jetzt über diese Alltagsdinge zu sprechen ist zwar irgendwie ein Bruch, aber ich freue mich auch über die Neuigkeiten, von denen sie berichtet.
Darüber geht der Abend und wir bauen unsere Kojen. Bis Morgen!
„…Gute Nacht John-Boy!“
„…Gute Nacht Mary-Ann!“

wo bin ich, meine Reisekarte