Fifty Shades of Grey vs. The Truman Show

Tag 22, Samstag 27.06.15

Der kommende Morgen bringt sehr diesiges Wetter mit schwachen südlichen Winden. Erst am Nachmittag gegen 17 Uhr soll der Wind auffrischen und auf Nord-West drehen. Das Frühstück erfolgt immerhin „planenlos“ mit einer zünftigen Kollektion aus der ortsansässigen Bageri, wobei die von Wiebke heiß ersehnten Tebirkes (diese wunderbaren dänischen Blätterteigbrötchen) bereits ausverkauft waren…

Die Sonne kämpft immer mal wieder um Durchblick, kann sich aber nicht durchsetzen, so daß die Landmassen von Avernakø und Lyø nur schemenhaft im Grau aus Wasser und Himmel erkennbar sind. Wäre ich alleine, wäre dies ein Hafentag. Aber da Wiebke da ist, wäre ein kleiner Schlag schon schön. Der Plan, rund Avernakø zu segeln, ist allerdings vom Tisch. Aber Lyø mit südlichem Wind anlaufen und mit dem Winddreher nachmittags zurück könnte gehen.

Wohin heute bei null Wind und viel Grau? Wir lassen uns treiben...

Wohin heute bei null Wind und viel Grau? Wir lassen uns treiben…

Wir starten erst gegen Mittag. Der Start ist noch rasant – ich überdrehe das Gas ungewollt in Rückwärtsfahrt aus der Box, was in einen ebenso beherzten Gasschub vorwärts mündet, um die Kurve vor der gegenüberliegenden Dalbenreihe noch rechtzeitig zu kratzen. Aber der Wind schläft alsbald ein, so daß wir zwar auf richtigem Kurs sind, aber mit weniger als 2 Knoten Geschwindigkeit keine Strecke machen. Außer uns ist kaum jemand unterwegs. Außer natürlich die Fähre nach Faaborg, die diesmal fast geräuschlos aufkommt, der entgegengesetzte Windhauch reicht wohl als Tarnung, Wiebke bemerkt sie, ich bringe uns in Sicherheit.

Das Wetter ist grau in allen möglichen Schattierungen. Diffus sucht sich immer wieder die Sonne ihren Weg durch die Wolken und täuscht Wetterbesserung vor. Die polarisierenden Gläser unserer Sonnenbrillen färben das Ganze etwas schöner. Wir bewegen uns durch ein belebtes Mausgrau überzogen mit einem Hauch von Braungrau. Über Ærø aber hängt beständig eine dunkle Wolkenwand. Wir dümpeln und sinnen darüber nach, ob wir nach Søby zurückkehren wollen. Da schält sich die Kontur einer kleinen Neptun mit knallblauem Rumpf aus dem Einheitsbrei. Es ist gar nicht so recht zu erkennen, wo der Horizont steht. Nur die Umrisse von Ærø und der gegenüberliegenden Inseln geben einen Anhalt. Das kleine Boot wirkt, als würde es schweben. Himmel und Wasser sind wie eine Kulisse, die man durch eine unsichtbare Tür verlassen kann. Wir sind hier nicht nur in 50 Shades of Grey, sondern auch in der Truman-Show!

Schließlich erlöst uns der angesagte Winddreher und ein Windband aus Nordwest. Es frischt beständig auf, das glatte Wasser verändert sein Ansehen von Seide in kleine Windseen. Søby wäre nun in kürzester Zeit erreicht, also gehen wir auf Kurs Ærøskøping. Volles Groß und Genua. Aus 5 Knoten Wind werden in der Ansteuerung fast 10, wir nehmen die Genua weg und warten beide Fähren ab.

Beim Herunterlassen des Motors hakelt etwas und es ruckt es einmal kurz. Ich schaue nach, aber der Motor ist frei, ich erkenne nichts. Also weiter. Im Segelbergen dann stirbt das Maschinchen dann ab. Na Prima!

Nach erneutem Blick kann ich aber aufatmen, der Schlauch des externen Benzintanks hatte sich aus der Schelle gelöst. Die Einzelteile sind aber glücklicherweise noch alle da, und auch der Tankinhalt ist noch bei uns und nicht bei den Fischen. Der interne Tank ist voll, nach einigem Ziehen auch wieder mit Sprit in den Leitungen, und bringt uns in den Hafen.

Der Wind hat derweil noch weiter aufgefrischt. Die Boxengasse ist fast leer. Große, einige kleinerer Boxen und welche, die lang genug aber vielleicht zu eng sind. In einer der Mittelgroßen liegt ein Boot. Eventuell vertreiben oder das Boot als Anlegehilfe nutzen? Knigge, woanders parken, weil quasi alles frei ist? Ich nehme die Anlegehilfe. Steige auf die Steuerbordducht, um den Luvdalben zu belegen und knalle fast lang hin. Ich bin an der Kante des hölzernen Backskistendeckels gestolpert. Das Schienbein schmezt wie Sau. Mist, der Luvdalben ist vorbei, aber ich konnte Lee wenigstens erwischen, und Wiebke hat uns vorne sicher auf dem Steg und hält das Boot bei. Im Prinzip außer blauen Flecken bei mir nichts passiert, nur das ich mich – abgefendert – anlehne.

Der Skipper stützt an Deck: „Mensch, was macht Ihr denn da!“. Vermutlich hat er das Gepolter des Sturzes gehört, das war laut. Und denkt, ich hätte gerade sein Boot zu Bruch gefahren. Er stopft wortlos aber sichtlich schlecht gelaunt noch zwei Fender zwischen die Boote und verschwindet wieder.

Als Hobo fest ist und er wieder auftaucht, versuche ich gut Wetter zu machen und entschuldige mich für die „Ruhestörung“. Er lässt mich aber abperlen und ist wie vermutet stinkig über unseren Kuschelkurs. Ich kann ihn verstehen, gebe aber zu Bedenken, daß auch er irgendwann mal gelernt hat. Darauf gibt er zurück, daß ich ja nun wohl gelernt habe, wie man es nicht macht und was Knigge sei, und lässt mich stehen. Ok, wo so viele nette Menschen sind, muß auch mal einer sein, mit dem die Chemie nicht stimmt. Volltreffer. Zumindest mit dem Lerneffekt hat er recht. Nächstes Mal gehe ich notfalls quer zu den Dalben längsseits, wenn genug Boxen frei sind und fummel mich dann zurecht. Ach, was solls…!

Wir sind fest und gehen da auch nicht mehr weg, den es windet nun fast mit 20 Knoten (weswegen wir mucksmäuschenstill später noch mal zu den Dalben fieren und die Luvleine gegen Abrutschen sichern). Statt dessen machen wir noch einen Zug durch den hübschen, aber gerade sehr verregneten Ort und essen lecker und zudem recht günstig im Ærøhus zu Abend. So sind wir gestärkt für das folgende Leinenmanöver und zudem abgelenkt von den Gedanken an unseren Nachbarn. Wiebke ist das sowieso, weil in dieser Beziehung dickfelliger als ich. Aber alles ist gut. Und morgen soll bei leichtem Wind die Sonne scheinen!

wo bin ich, meine Reisekarte