Boa Viagem!

Tag 35, Freitag 10.07.15

Der Wetterbericht soll recht behalten. Am morgen bläst es noch immer mit mehr als 20 Knoten aus Nordwest. Ich bin für das Frühstück auf der Qualle abgemeldet, dann abr doch gegen 8:30 Uhr wach, so daß ich mein Schönheitsköffrchen packe, im Verkehrshafen zum Duschen gehe und gleichauf mit der Qualle-Familie dem lokalen Schönheitsalon entsteige. Heute war Haarewaschtag. Ich bin voll durchgestyled (will heißen Hare einmal durchrubbeln und dan lufttrocknen lassen). Das Leben kann so einfach sein. Also laufe ich doch pünktlich zum Frühstück im Salon der Qualle auf, wo ich bereitwillig mitgefüttert werde. So macht eingeweht werden Spaß. Die Truppe hatte meine vorläufige Verabschiedung am Vorabend ohnehin nicht für voll genommen.

Bei mir kommt heute doch ein weiterer Hafenzettel hinzu während die Qualle geht

Bei mir kommt heute doch ein weiterer Hafenzettel hinzu während die Qualle geht

Die Gefühle gegenüber des bevorstehenden Qualle-Törntages gehen in der Belegschaft auseinander. Während Skipper, Sohn und ein Teil der Crew sich auf „etwas eckiges aber geiles segeln“ freut, ist der andere Teil da in der Vorfreude etwas verhaltener. Die Truppe macht sich seeklar, ich bleibe noch zum Leinen loswerfen während Finn und Berni sich einkleiden (Weste, Lifelines, volle Montur Ölzeug, Seestiefel – „Jetzt kriegen die gleich erstmal einen Schreck, wenn sie das sehen…!“). In der Tat steigern die Order, das eigene bzw. bereitgestellte Regenzeug und Weste anzuziehen sowie die Sicherheitseinweisung zum Thema „festhalten“, „sicher bewegen“ und MOB nicht bei allen die Vorfreude. Trost ist, daß es nur nach Bagenkop gehen soll, von wo die Qualle am Folgetag gen Fehmarn abspringen wird.

Es bleibt die Frage des Ausparkens. Aber so wie Berni reingedreht hat, wird er auch aus der Lücke rausdrehen, über die Achterspring – mit „The Hebel on the Table“, wie er es ausdrückt. Und so geht es dann auch, viel bleibt für mich nicht zu tun. Wir verabschieden uns rauh aber herzlich – wann wir uns Wiedersehen? Vermutlich in 2016 – die Qualle segelt im August für das Herbst- und Winterhalbjahr nach Portugal und kommt voraussichtlich im Frühjahr wieder zurück. Boa Viagem! Gute und sichere Reise! Berni hat anklingen lassen, daß diese Entscheidung und der Törn durch unbekannte Gewässer für ihn eine ähnliche Tragweite hat wie meine Entscheidung, durch die Südsee zu segeln. Er wird hoffentlich genauso glücklich und stolz wie ich heimkehren.

Schaut mal nach den Törnzielen: www.schoner-qualle.com

Für meinen Törn hat Berni mir frei nach einer Kika-Produktion, die in den 90ern auf der Qualle gedreht wurde den Beinamen „Svenja Schwertfisch, die erste Südseekapitänin der Welt“ verpasst. Die Protagonistin damals hieß „Svenja Schwertfisch, die erste Hochseekapitänin der Welt“. Die Meilen für mein Schwertfischpatent habe ich mir inzwischen locker ersegelt…

Der Hebel liegt auf dem Tisch, die Qualle dreht und fliegt aus der Parklücke, diesmal unter anerkennenden Kommentar des holländischen Nachbarn. In der Bucht vor dem Hafen gehen die Segel hoch – im großen wie im kleinen das gleiche – das Tuch klemmt zunächst an den Lazy-Jacks, dann zieht die Qualle davon. Es ist stimmungsmäßig für mich ein bisschen wie in „Über den Wolken“ besungen – Ich seh‘ ihr noch lange nach…bis die Segel nach und nach ganz im Regengrau verschwimmen…in den Pfützen schwimmt Benzin…Regen durchdringt meine Jacke…Naja, nicht ganz so pathetisch, aber sie zieht davon und ich muß noch bleiben. Und nach einem nettem und vertrautem Beisammensein fühlt sich wie nach Wiebkes Besuch das Alleinsein erst einmal doof an.

Nach einer ersten „Unentschlossenheitsstarre“ schüttel ich mich einmal und tauche wieder in mein Einhanddasein ein. Wegen der noch immer weißen See und heftigen Böen bedeutet das: Hobo sortieren, einkaufen, Benzin nachtanken. Letzteres scheitert zunächst an meiner Kreditkarte, so daß ich von der Bootstankstelle am Hafen auf die Straßentankstelle im Ort ausweiche. Das verschafft mir einerseits Bewegung, anderseits trage ich meinen Kanister durch unverhoffte, verstecke und hübsche Hinterhöfe jenseits des Marktes, entdecke also weitere hübsche Seiten des Ortes.

Das hebt meine Stimmung wieder und ich mache auch meinen Frieden mit den Windverhältnissen. Der Kauf der heutigen Hafenmarke schafft Tatsachen, ich gehe heute nicht mehr raus, um schonmal bis Søby zu kommen. Um 17.00 Uhr haben wir immer noch 20 Knoten in der Spitze, das war meine spätestgeplante Zeit für einen Aufbruch. Zum Abend geht der Wind zwar schnell runter, um 20:00 sind es 8 Knoten, um 22:00 dann nur noch 4 Knoten, aber Berni hatte am späten Nachmittag aus Bagenkop angerufen – halb feststellend, halb gefragt: „Du gehst heute nicht mehr raus, das ist nichts für Dich!“ Da hatte ich bereits den neuesten Zettel am Bugkorb kleben. Rasmus hatte einmal mehr das letzte Wort.

wo bin ich, meine Reisekarte