To B (irkholm) or not to B (irkholm)

Tag 18, Dienstag 23.06.15

Der Folgetag bedeutet Absprung von Strynø, und an sich will ich jetzt als nächstes nach Birkholm. Der Kreuzkurs ist in die Karte eingetragen, Hobo ist seeklar, der Wind ist nur mit mäßigen 8 Knoten aus Nordwest unterwegs, es ist endlich wieder sonnig und warm. Am morgigen Mittwoch soll der Wind auf über 20 Knoten auffrischen, das wird einen Hafentag bedeuten. Der Donnerstag soll dann Besserung bringen, mir scheint ein eingewehter Tag auf Birkholm ganz reizvoll. Zudem bin ich von dort schnell auf Ærø, denn am kommenden Wochenende möchte meine Freundin Wiebke dort an Bord kommen.

St. Hans in Ristinke. Himmel und Feuer brennen.

St. Hans in Ristinge. Himmel und Feuer brennen.

Nachdem ich mir noch das Smakke Center angeschaut habe, nehme ich Abschied von meinem Stegnachbarn. Und wie es so geht, schmeiße ich Birkholm im letzten Moment um und entscheide mich für Ristinge – der Nautiker, der mir da rät, bringt die „bessere“ Infrastruktur und die landschaftlich schöne Steilküste vor, aber zerstreut auch meine Bedenken, dort bis zum Wochenende nicht weg zu kommen. Das Fahrwasser nach Marstal ist nicht weit. Ich vetraue auf die Aussage, daß sich dort keine so große Welle aufbaut wie im offenen Wasser zwischen Ærøskøping und Søby. Somit könnte ich die Strecke zur Not unter Motor bewältigen und Wiebke von Marstal aus mit dem kostenlosen Inselbus in Søby abholen.

Die folgende Etappe ist an sich lächerlich und mit raumen Wind in etwas mehr als einer Stunde zu bewältigen. Es ist schönes Sonnensegeln und natürlich entspannter als Aufkreuzen nach Birkholm. Als Bekleidung reicht endlich nur eine Fleecejacke. Vor Ristinge habe ich noch keine Lust einzulaufen, also kreuze ich noch eine weitere Stunde durch die Gegend und bringe es am Ende wenigstens auf 9 Seemeilen und fast drei Stunden segeln. Die Distanzen sind kurz und die Häfen klein. Auch Ristinge: der Hafen misst vielleicht 6 Hobo-Längen in der Tiefe und zwei Hobo-Breiten. Beim Näherkommen sehe ich, dass die Aussenmole, an der ich festmachen wollte, mit einer Schute und Arbeitsschiff belegt sind. An der Innenseite ein Baggerponton, der die ohnehin schmale Hafeneinfahrt auf etwas mehr als eine Bootsbreite reduziert. Aber es sind keine Baggerarbeiten in Gange. Nun, jetzt bin ich da, und doch noch nach Birkholm weitersegeln, nee…

Ich folge der Mahnung, mich auch mit 1,4 m Hobo-Tiefgang an die bunten Pricken zu halten, schleiche unter Motor direkt neben der Schute Richtung Hafeneinfahrt – und stecke fest. Super! Aber wenigstens nur Sandboden, und ich war im Schneckentempo unterwegs. Also aufs Vorschiff und den Kiel hochkurbeln. Nachdem ich so freikomme, scheint die Wassertiefe im Hafen wieder zu stimmen, ich gehe an der Gegenmole längsseits. Ein netter Fischer weist mir einen Platz für Hobo zu und hilft mir, das Boot zu verholen. Morgen wird ausgebaggert…das Rauskommen sollte also kein Problem werden. Der Baggerfahrer spricht mich noch an, und freut sich über Hobo: ich liege genau dort, wo er schwer hinkommt. Morgen soll ein Ingenieur die Tiefen vermessen. Da liege ich natürlich im Weg. Ist aber ganz praktisch, meint er, das erspart wohl Diskussionen. Also macht mal einen Vermerk in Eure Hafenhandbücher: Südmole, ganz vorne an der Sliprampe, sagt mein Lot 0,6 m Wasser unterm Kiel. Da hat er doch an sich schon ganz gut gebaggert. Meine Karte sagt was von 2m Wassertiefe. Passt ja.

Der Fischer weist mich noch auf das St. Hans Feuer hin, dass gegen 21 Uhr 30 direkt am Hafen entzündet werden soll, ich sei willkommen mitzufeiern.

Aber vorher bin ich neugierig auf Klint und Strand, von denen mir vorgeschwärmt wurde. Vom Hafen aus führt eine etwa zweistündige Wanderung auf die Halbinsel. Ein Weg, der zunächst den Blick über die Bucht im Norden und sanft hügelige Wiesen und Felder nach Süden hin freigibt, letztere erinnern mich an Bilder aus der Toskana: Felder, Bäume, eine Kirche, eingebettet in die grüne Landschaft und in sanftes Abendlicht getaucht. Am Weg neben abgeblühten Rapsfeldern leuchtend rote Mohnblumen und Reusen, die entlang der Büsche aufgehängt sind. Später biegt der Weg ab, die Landschaft verändert sich und erinnert an die dänische Nordseeküste. Die Bäume ducken sich und unvermitelt stehe ich auf der fast 30 Meter hohen Steilküste, an deren Fuß das Meer in allen Schattierungen von dunkelblau bis flaschengrün auf den steinigen Strand rollt. Auch hier gibt sich die Abendsonne alle Mühe, den Kitschfaktor zu erhöhen. Es ist wunderschön, und all das bei T-Shirt Temperaturen! Der Pfad führt weiter oberhalb der Küste entlang, mal mit grandiosem Blick über das Wasser, mal als Laubengang, der von dichtem Gebüsch überschattet ist. Schließlich läuft er sanft in einer kleinen Düne aus und geht in den schönen Sandstrand von Ristinge über. Ich freue mich, dem Tip gefolgt zu sein! Durch das angrenzende Ferienhausgebiet gelange ich entlang der Straße zurück zum Hafen, wo sich bereits die Dorfgemeinschaft zur St. Hans Feier einfindet.

Zurück am Boot spendiert mir der Baggerfahrer als vertrauensbildende Maßnahme ein Malzbier und bereitet mich schonend auf das morgige Programm vor: sieben LKW-Ladungen Hafenschlamm sollen abgefahren werden, Beginn um 07 Uhr morgens, und es stehen noch letzte Arbeiten im Hafenbecken an, die bis zum Nachmittag abgeschlossen werden. Mir und Hobo wird kein Leid geschehen und meiner Abfahrt übermorgen – Windfinder verheißt einen 24 Knoten Hafentag – wird nichts im Weg stehen. Na da bin ich ja mal gespannt. Windfinder zumindest hält sich schon mal an sein Versprechen, um 22 Uhr schlägt das Wetter plötzlich um, der Wind steht nun in die Hafenzufahrt und lässt Hobo holpern und die Flammen des nahegelegenen Sonnenwendfeuers hochschlagen – die Lumpenhexe brennt lichterloh auf ihrem Scheiterhaufen!

Der Wind nimmt zu und beginnt, in den Wanten zu heulen – oder ist es die Hexe? Gegen Mitternacht steige ich mit Kopfleuchte noch einmal auf die stockdunkle Mole, setze eine zusätzliche Leine und umkleide die Spring mit einem alten Lappen, damit sie nicht an den Stegbohlen schamfilt. Die Nachtluft weht den Geruch von Holzrauch heran…St. Hans Geisterstunde in Ristinge!

wo bin ich, meine Reisekarte