The Pink Lady – angebaggert

Tag 19, Mittwoch 24.06.15

Auch der Baggerfahrer hält Wort. Ich werde aber nicht um sieben von den LKWs, sondern erst gegen kurz nach acht von ihm selber geweckt. Hobo schlingert wie wild an der Pier und mein Gleichgewichtsorgan schreit: „Uiuiui, aufwachen!“ Ich bin ja vorgewarnt und stecke den Kopf aus der Vorluke über meiner Koje. Jaaa, da nähert sich wie ein riesiges, klobiges Insekt der Bagger-Ponton. Mit der aus dieser Perspektive sehr großen Baggerschaufel schiebt er sich ins Hafenbecken herein, stabilisiert von riesigen Hydraulikstempeln, die die Bewegungen seitlich abfangen.

Ein sonniger, warmer, windstiller Sommertag in Ristinge Strand, Danmark

Ein sonniger, warmer, windstiller Sommertag in Ristinge Strand, Danmark

Dabei macht er eine ordentliche Welle. Gut, an Schlaf ist nicht mehr zu denken, andererseits ist das Geschehen ein echter Blockbuster und ich habe im Cockpit für lächerliche 70 Kronen Hafengeld einen Logenplatz. Das koste ich beim Frühstück reiflich aus, der Mann scheint sein Handwerk zu vestehen und umkreist Hobo mit der riesigen Schaufel in kürzester Entfernung, wobei das heutige Beitragsbild entsteht.

Derweil erscheint „mein“ Fischer von gestern am Steg und bringt mir ungefragt den Windbericht. Er kündigt an, mir ein Fahrrad flottzumachen, das „für Leute wie Dich“ bereitsteht, aber gerade platt ist. Im Schuppen jenseits des Hafens fängt er zusammen mit zwei Kollegen sogleich an, an meinem fahrbaren Untersatz zu werkeln. Ich finde es netter, dies zu würdigen, als aus der Ferne zu schauen, greife mir meinen Thermobecher mit Tee und schlendere  hinüber zum Schuppen, um „Tak!“ zu sagen.

Die drei bieten einen Anblick wie aus dem Bilderbuch. Der eine erinnert mich entfernt an Terence Hill den Älteren, das Haar ergraut, aber lachende, verschmitzte blaue Augen. Der andere, nun, beleibt mit wildem Vollbart und Zigarette zwischen den Lippen. Der dritte groß und fast hager mit Pfeife im Mundwinkel. Alle eint das wettergegebte Gesicht, zerzauste Haare, der Blaumann, Fußbekleidung in Form von Clogs oder Gummistiefeln sowie große Gelassenheit. Der Hagere erzählt, dass in der kommenden Woche die dänischen Sommerferien beginnen, jetzt aber schon die kleinen Kinder mit den Großeltern unterwegs sind: „Das ist schön, die haben Zeit. Die Kinder dürfen an die Kaikante und stundenlang spielen. Die Eltern haben immer Angst und immer ein Programm, jetzt Krebse angeln, jetzt Eis essen, und nicht so nahe an die Kante…!“ Er scheint ein guter Beobachter zu sein und ich bin etwas beschämt, dieses Phänomen ist grenzübergreifend und kommt mir irgendwie bekannt vor…

Währendessen scheitert das Aufpumpen am herbeigeschafften, sehr großen, aber auch defekten Kompressor. Tango, der wollige, schwarze Hund des einen Fischers (ich frage mich still, ob Tangos Vorgänger Sierra oder vielleicht doch Foxtrott hieß…) nimmt gerade schwanzwedelnd Kurs auf mich, als der Kompressor mit lautem Zischen den Geist aufgibt. Das arme Tier macht mit einem Satz kehrt und sucht das Weite – er hält wohl mich für das laute Ungetüm. Fischer eins verschwindet, um eine konventionelle Luftpumpe aufzutreiben, Fischer zwei besorgt allerdings zwischenzeitlich einen Kompressor bei den Baggerleuten. Einmal mehr sind alle um mich bemüht, unglaublich!

Schließlich ist das rosa Damenrad fahrbereit. „Her, du er Pink Lady!“ lacht der eine und ich revanchiere mich mit einigen Dosen Pepsi und Bier, die ich in den Schuppen stelle, der mit Fischereibedarf und sonstigen Dingen vollgepackt ist und entfernt an einen Messie-Haushalt erinnert. Die Jungs sind wunderbar!

Als ich das Rad später die paar Meter zum Steg fahre, fällt mir als erstes der Kettenschutz ab. Mein Fischer sieht dies und lacht. Ich tue so, als würde ich das Ding ins Hafenbecken werfen. Ich solle es in den Schuppen legen, meint er. Es war schon mit Panzertape geflickt. Aber der Ehre halber repariere ich das Blech mit einigen Streifen von meiner Taperolle. (So Werner, das is` doch noch gut, da nimmsu ein Stück Schweißdraht und tüddelst das darum!) Und ich stelle außerdem den Sattel höher. Nun ist das Rad wie neu! Der Kollege frotzelt: „Wir haben extra gewartet, bis Handy-Woman kommt und das Rad repariert!“ Er zeigt auf einen blauen Kahn gegenüber: da ist ein großes Boot gegengefahren und hat ihn gestaucht. Er wurde mit langen Bahnen Panzertape repariert – damit hat sich der Wert des Bootes locker verdoppelt!

Nun steht also meiner Erkundungstour nichts mehr im Weg. Der Weg führt mich erst zum Strand, dort liege ich eine Stunde in der Sonne, das Meer glitzert blau im Sommerlicht, ein leichtes Lüftchen weht, ich bin nur spärlich bekleidet…ach nee, dies ist ja ein dänischer Sommer: 25 Knoten Wind, die Kapuze der Öljacke tief im Gesicht, fliegender Sand, Nieselregen, die Decke mit einem halben Hühnengrab beschwert, damit sie nicht wegfliegt…all das ist egal, ich finde es trotzdem wunderbar! Anschließend strample ich auf meinem rosa Untersatz nach Humble zum Einkaufen – endlich mal etwas Bewegung – und ergattere auf dem Weg außerdem an einem der Verkaufsstände an der Straße eine einhandtaugliche Portion Erdbeeren. Lecker!

Zurück im Hafen sind die Baggerarbeiten gerade in der Endphase, das Fenster des Ungetüms geht auf und ich werde an Bord des Arbeitsbootes gebeten, auf einen Kaffee. So sieht also ein schwimmender Männerhaushalt aus. Baggerführer, Vermessungsingenieur und Steuermann. Alles auf eine nette deutsch-dänische Kaffeelänge, wobei die Jungs meine mitgebrachten Muffins verschmähen. Die werde ich bei meinem Fischer los, der nun erneut mit mir Hobo verholt. Der Rest des Nachmittags und Abend gehört mir in dem nun ruhigen Hafenbecken, der frische Wind lässt langsam nach – dann wird es wohl morgen vielleicht endlich was mit Birkholm!

wo bin ich, meine Reisekarte