LehrReich

Tag 14, Freitag 19.06.15

Heute also Ausbruchsversuch nach Westen. Ich mache noch Besorgungen und Hobo dann seeklar, darüber vergeht der Vormittag. Bine und Jörg verabschieden sich mit Ziel Faaborg und der Ermahnung, Acht zu geben und im Zweifel abzubrechen. Das sehe ich ebenso. Mein Track sieht ca. 3 Stunden vor bis Skarø, ich warte ab, dass der Strom mittags westwärts kippt und fahre erst am Nachmittag.

Abschied aus Svendborg bei grauem Himmel und 15 Knoten Wind

Abschied aus Svendborg bei grauem Himmel und 15 Knoten Wind

Die Segel kann ich bereits im geschützen Hafen hochnehmen, und schon die ersten Kreuzschläge im nich ruhigen Wasser vor der Brücke erfordern einiges an Konzentration, es ist böig und einige Fähren sind unterwegs. Mir ist es wohler, den Motor mitlaufen zu lassen, um schneller reagieren zu können. Der verfällt kurz vor der Brücke in gequältes Jaulen und Sprotzen, da sich eine beachtliche Welle – Strom gegen Wind – aufbaut, mich immer wieder ausbremst und bis ins Cockpit duscht. Und ich habe gerade eben mal die Brücke passiert! Das ist quasi nur die Brandungszone, von der ich beim Surfen gelernt habe, daß man es lassen soll, wenn man dort schon unsicher ist. Und ich fühle mich unsicher. Das zweite Reff steht schon. Ich könnte noch auf Sturmfock wechseln. Auf dem schwankenden Vordeck kein Vergnügen, zumal nicht nahe der Fahrrinne, und für die Kreuz auch nicht so toll. Vernunft und Instinkt sagen ganz klar: Stop! Sofort! Also mache ich auf der Hacke kehrt und rausche mit der Welle trotz Gegenstrom recht flott durch die Brücke. Dahinter wird es gleich ruhiger, ich nehme die Fock runter. Das ist einerseits psychologisch für mich gut, weil nun alles nur recht langsam vorangeht mit zwei Knoten Fahrt, von den Manövereigenschaften aber die falsche Entscheidung, denn unter der Brücke erscheint die Ærøfähre und kommt schnell auf. Die Ansicht ist die aus „Das Boot“ – feindlicher Zerstörer in Seerohrperspektive. Ich kann aber vorne und achtern nicht mal eben anblasen, und wenn ich da bleibe, wo ich bin, wird die Fähre das für mich erledigen, denn ich stehe kurz vor der Einfahrt zum Handelshafen. Mit meinen zwei Knoten wird das nichts, die Fähre nähert sich unbeeindruckt und ich schmeiße im Tiefflug den Aussenborder an und sehe zu, daß ich 90 Grad zur Fähre Land gewinne. Das geling auch, aber trotzdem schiebt sich die Wand mit den bunten Autobildern zwar nicht kritisch, aber unangenehm nahe an mir vorbei. Einige Tage später gerate ich an einen Kapitän der Inselfähren, der ganz entspannt meint: wir sehen Euch, wenn Ihr erkennbar reagiert, dann nehmen wir die Fahrt erstmal nicht runter. Ansonsten können wir diese Schiffe ziemlich schnell aufstoppen. Doof für uns ist nur, wenn Ihr nicht um Euch guckt oder uneindeutig reagiert. Du hast alles richtig gemacht, als Du quer weggefahren bist. Ein kleiner Trost!

Im Moment bin ich erstmal bedient und laufe Richtung Thurø Bund ab. Ich bin frustriert, ich will endlich wieder ins Inselmeer und nicht wieder nach Svendborg. Von Helge aus war mir gestern der Gambøt Sportboothafen gezwigt worden. Den laufe ich an. Eine gute Entscheidung, denn der Hafen liegt geschützt am schönen Thurø Bund und ist ein Vereinshafen mit nettem kleinen Clubhaus, das auch Gästen offensteht. Wie ich erfahre, ist gerade das jährliche Grillfest in Gange, ich darf mich mit meinen sieben Sachen in der Küche breitmachen, während die Clubmitglieder draußen feiern. Wo so viele Locals beisammen sind, müssste ja die seglerische Schwarmintelligenz einen Ausweg aus dem Sund für mich finden. Also bewaffne ich mich mit meiner Seekarte und packe inzwischen recht hemmungslos mein Pidgeon-Dänisch aus, um nach Optionen für meine nächste Etappe zu fragen. Die Clubleute optieren ziemlich übereinstimmend auf Rudkøping oder Strynø und bitten mich im Übrigen auf ein Getränk an den Tisch. Wieder einmal renne ich offene Türen ein und erfahre sehr viel Hilfsbereitschaft. Das ist ziemlich überwältigend. Die Türen bleiben für mich auch im wahren Wortsinn offen. Das Clubhaus bleibt nachts unverschlossen, damit ich Toilette und Dusche nutzen kann.

So nimmt auch dieser fragwürdige aber lehrreiche Tag ein versöhnliches Ende.

wo bin ich, meine Reisekarte