Arm und Reich

Tag 12, Mittwoch 17.06.15

Heute ist der erste wirklich gammelige Tag. Im Sinne von Wetter und Stimmung. Aufgrund des Windes war dieser Tag von vorne herein als Hafentag geplant, aber nun macht mir das Wetter einen Strich durch die Pläne für meinen Landgang. Nachdem die Sonne Svendborgs Altstadt gestern in bestes Licht gerückt hat, kann sich das Wetter zunächst nicht so recht entscheiden. Der Wind hat aufgefrischt und schiebt tiefe graue Wolken heran. Es sieht so aus als würden die in näherer Zeit Regen bringen.

Heute nacht war beschissenes Wetter...

Heute Nacht war beschissenes Wetter…

Daher bin ich nach langem Ausschlafen und gemütlichem Frühstück sehr unentschlossen, was ich mit mir und meiner Zeit anstellen soll. Die Uhr geht schon Richtung Mittag. Fest gefasster Plan war, mit dem schönen Traditionsschiff MS Helge, das wenige Meter entfernt auf der anderen Seite des Stadthafens anlegt, nach Valdemars Slot zu fahren. Dort möchte ich allerdings weniger die Kunstausstellung und Einrichtung des Schlosses besichtigen, sondern lieber einen Spaziergang im Park machen und mich vielleicht in die Sonne setzten und das erste Mal während meiner Segelreise etwas anderes lesen als Seekarten und Hafenhandbücher. Helge fährt um 12:30 Uhr und wenigstens bezieht das Wetter nun in Form von Nieselregen klare Stellung gegen meinen Plan. Also muss etwas anderes her…im Boot lesen? Kann ich auch machen, wenn ich auf einer einsamen Insel eingeregnet bin oder in der Sonne schmore…aber so ein bischen Alibi-Kultur sollte wohl sein, wo sich doch in Svendborg verschiedene Möglichkeiten eröffnen. Auf das Naturama, eine dem Prospekt nach sehr schön aufgebaute Austellung zur (einheimischen) Tierwelt habe ich allerdings gerade keine Lust und so picke ich mir das nahegelegene Forsorgsmuseet im ehemaligen Armenhaus Svendborgs heraus und laufe den kurzen Weg durch schöne Seitenstraßen dorthin.
Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht? Erbauend ist dieses Programm nicht gerade. Das ehemalige Armenhaus wurde bis 1973 betrieben und war quasi ein Gefängnis für die Bewohner. Wer Fürsorge bezog, verlor damit bis ins 20. Jahrhundert hinein sein Wahlrecht und das Recht z.B. auf Eheschließung. Die Austellung zeugt von armen, gezeichneten Menschen, elternlosen Kindern und jungen, entehrten Müttern. Das Gebäude atmet noch heute den Geruch von Linoleum und Beklemmung. Da ich glücklicherweise frei bin, zu gehen wohin ich will, trete ich den geordneten Rückzug an und besuche noch einmal die kleine Glasbläserei in einem Hinterhof der Brogåde. Gestern bin ich um einige Mitbringsel gekreist und habe mich zwischenzeitlich entschieden, halte einen erneuten netten Schnack mit der Verkäuferin, erzähle von meinem Museumsbesuch und peppe meine Stimmung in dem schönen lichtdurchfluteten Atelier wieder hinreichend auf.
Petrus hält dagegen. Es gießt wie aus Eimern. Entsprechend leergefegt ist der Steg und die Steggemeinschaft hat sich – verständlicherweise – in die heimischen Kuchenbuden zurückgezogen. Ich nutze den Abend somit für einige Blogeinträge und emails mit der Heimat. Passend zur Stimmung erreichet mich die Nachricht, dass Uwe, meine erste Begegnung aus Mommark, seinen Segeltörn wegen der Wind- und Wetterkapriolen abgebrochen hat und zudem Ersthelfer bei einem tragischen Unfall in einem Hafen an seiner Route war. Ich hatte gestern noch geschmunzelt und an ihn gedacht: Nahe der Brücke von Svendborg passierte mich eine gediegenes Segelyacht, ebenso wie seine classe mini mit dem Namen AVANTI am Heck, am Ruder ein knarziger Kerl mit blauer Kapitänsmütze. Hat nur noch der Kolani gefehlt. Und ich bilde mir ein, dass er Pfeife geraucht hat, aber das kann auch meiner Fantasie entsprungen sein.
Außerdem melden sich Susi und Willi; sie haben auf der Heimfahrt in die Schlei einen Motorschaden erlitten und konnten wohl so mit Ach und Krach zu Hause eintuckern. Willi hatte in Søby noch erwähnt, das er das Thermostat würde auswechseln lassen. Er hatte sich nach eigener Erzählung bereits eingehend mit der Volvo-Penta Maschine auseinandergesetzt und war optimistisch, dass Sie trotz angespannter Ersatzteilage weiterhin gute Dienste leisten würde. Nun das!
Ich bin etwas traurig, dass für die drei nach unseren netten Begegnungen nun so unschöne Ereignisse folgen. Lichtblick ist da, dass sich Berni mit der Qualle locker für die zweite Juliwoche ankündigt, und am letzten Juniwochenende Wiebke nun doch zu einen „Girls Only“ Wochende an Bord kommen wird!
Unterm Strich gelange ich zu dem Schluss, dass nicht alle Tage so grandios sein können wie die vorangegangenen. Dieser Tag war gar nicht so armselig. Ich darf schließlich hier sein, ich habe ein gemütliches kleines Boot und alles, was ich gerade brauche. Das ist ein Privileg. Und sollte mein Trip zwischenzeitlich an irgendetwas scheitern, habe ich schon jetzt tolle Begegnungen gehabt und viel gelernt. Das ist unpfändbar! Ich bin sozusagen steinreich!

wo bin ich, meine Reisekarte